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035 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 035

Wir fanden die Leiche neben diesem Ding liegen. Gleich rechts daneben lag Günther R. mit offenem Mund als ob er noch was sagen wollte.
Hätte er nur noch etwas gesagt, denn: wie starb er, warum? Die Spusi konnte nichts finden, die Remi sagte nur lapidar »Er ist tot, warum, woran, wissen wir nicht — mal schauen.«.
Jetzt bin ich noch einmal in diese Wohnung gekommen. Hier kann ich besser nachdenken. Ich schau’ auf dieses Ding, halb Ballon, halb durchsichtiger Globus, dessen Schatten vibriert. Warum vibriert er? Ich lege die Hand auf das Ding, es wird heller, vibriert ein wenig.
Als Kind warf ich die Ameisen in einen Wasserbottich und sah ihnen zu, wie ihnen nach und nach die Kräfte versagten. Mein erstes Auto, ein alter Citroen, musste ich mit der Handkurbel oft überzeugen wieder anzuspringen. Dabei lernte ich auch Manuela kennen, meine Frau. Eigentlich wollte ich Wissenschaftler werden, Biologe. Jetzt bin ich seit 15 Jahren Polizist, Mordkommission R2 in Mannheim.
Meine Kollegen wissen nicht, das ich hier bin. Ich fühle mich gut, warm, aber müde. Ich werde ein kurzes Nickerchen machen.

034 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 034
-es hat gut getan. doch nun bin ich wieder auf der flucht, entlang den linien, dem punkt entgegen, wo alle sich treffen. sie steigen, sie stürzen, sie zeigen sich logisch und dennoch verwirrend, einander kreuzend, spitzwinkelig spießig, machmal zebrös. zerbröselnd, fransig, gebündelt, ah, nicht zum aushalten. ich fliehe, mit ihnen, durch sie hindurch, manchmal schon streifig, oft auch kariert. ich flüchte in die schattigen netze am mittag und ruhe mich aus im fluchtpunkt. es wird ein ende haben in der nacht, wenn ich alle lampen mit steinen zerschossen habe und die wolken den mond endlich auslöschen. dann wird alles weich und rund, wenn ich mich zusammenrolle und nicht weiter rühre. dann wird es weich und sanft, die spitzen stechen nicht mehr. sie sind dann aufgehoben im satten, finsteren schwarz der nacht.

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034 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 034»Heiraten tut man oder tut man nicht.« Ich wollte es nie tun. Ich beobachtete es aber sooft es ging. Standesämter sind dafür weniger geeignet, in ihnen drängeln sich Verwandte und Fotografen. Und schließlich wird der Ehevertrag unter Ausschluß der Öffentlichkeit unterzeichnet. Dieses Geschäft dauert nicht länger als ein Handschlag. In der Kirche dagegen ist die Erhabenheit des Augenblicks, die Andacht beim Anstecken des Ringes mein Metier. Ich habe schon dreihundertvierundvierzig Paare beim Anstecken ihres Ringes foto­grafiert. Zumeist verwechselt man mich mit einem Berufsfotografen. Es gibt Menschen die sammeln Briefmarken, ich jene Fotografien
An einem Mittwoch passierte es. Die Braut war gerade im Begriff dem Bräu­tigam den Ring überzuziehen …
»Du!«, sagte die Braut, und zeigte mit dem ausgestreckten Ringfinger auf mich, »Du wirst mich heiraten!«.
Dabei streckte sie ihren Bräutigam mit einem gezielten Schlag in den Magen nieder, zog sich den Ehering vom Finger, warf ihn mir zu. Ich legte meine Kamera beiseite. Der Ring gefiel mir. Ich ging zur Braut. Der Pfarrer sah uns ärgerlich an. Doch als ich der Braut den Ring an den Finger steckte, sie den anderen Ring an den meinigen und wir unser Gelöbnis sprachen, zwinkerte uns der Pfarrer zu.
Nun sind wir seit zehn Jahren drei Monaten und zwei Tagen glücklich verheiratet.

033 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 033der kater war mörderisch, mir war schlecht, durch meinen kopf dröhnten sämtliche heavy metal-riffs, die die nacht zum klirren gebracht hatten. der taxifahrer qualmte wie ein schlot. fast hätte ich gekotzt, mein durst saugte an den störrischen drögen sandpapierwänden meiner mundhöhle als an der ampel ein neuer fahrgast zustieg, in der hand eine wünschelrute und er lachte, das holz zuckte zwischen seinen fingern, der stamm des y-zeichens klopfte gegen die scheibe als auf einer staubgrauen mauer am strassenrand wie eine fata morgana ein riesiges bierglas erschien, gelbgolden, mit einem fetten weissen häubchen, durch den raureif der gläsernen rundung kroch ein tropfen kondens-wasser nach unten. ich schlug dem taxifahrer auf den kopf, schrie anhalten anhalten und sprang aus dem wagen, hinter mir rannte der mann mit der wünschelrute, holte auf, überholte, hielt mit beiden händen sein hölzernes ypsilon, der stiel ruckte und zuckte wie vom veitstanz befallen, stürzte in das glas, es zersprang unter den staccatohieben der rasenden rute, ich weinte, leckte an den scherben und verlor meine zunge bis zum heutigen tag.

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