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033 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 033der kater war mörderisch, mir war schlecht, durch meinen kopf dröhnten sämtliche heavy metal-riffs, die die nacht zum klirren gebracht hatten. der taxifahrer qualmte wie ein schlot. fast hätte ich gekotzt, mein durst saugte an den störrischen drögen sandpapierwänden meiner mundhöhle als an der ampel ein neuer fahrgast zustieg, in der hand eine wünschelrute und er lachte, das holz zuckte zwischen seinen fingern, der stamm des y-zeichens klopfte gegen die scheibe als auf einer staubgrauen mauer am strassenrand wie eine fata morgana ein riesiges bierglas erschien, gelbgolden, mit einem fetten weissen häubchen, durch den raureif der gläsernen rundung kroch ein tropfen kondens-wasser nach unten. ich schlug dem taxifahrer auf den kopf, schrie anhalten anhalten und sprang aus dem wagen, hinter mir rannte der mann mit der wünschelrute, holte auf, überholte, hielt mit beiden händen sein hölzernes ypsilon, der stiel ruckte und zuckte wie vom veitstanz befallen, stürzte in das glas, es zersprang unter den staccatohieben der rasenden rute, ich weinte, leckte an den scherben und verlor meine zunge bis zum heutigen tag.

033 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 033

Da oben sitze ich, hab immer den Blick auf den Spiegel. Wer kommt, wer geht, wer da ist, wer nicht da ist. Ich bin immer da, Tag und Nacht. Wenn die Sonne scheint, wenn es hagelt, wenn die Nachbarn schreien, wenn der Briefträger nicht kommt, wenn einer an den Pfahl pisst — ich bin immer da. Mein Fernglas ist natürlich immer dabei, ist so ein kleines, schwarzes, passt auch in die Hosentasche. Einen Arm stütze ich beim Schauen immer ab, mit dem anderen nehme ich dann und wann mal nen Schluck aus der Teetasse. Ja, nur Tee, nichts anderes. Einmal da kam ein Polizist, der kratzte sich am Sack. Ein anderes Mal kam ein Liebespaar, die sich küssten, aber er holte dabei sein Handy raus, das gerade klingelte. Letzte Woche hat sich eine Frau an den Pfahl gesetzt und ein Heft zerrissen, Seite für Seite — das hat lange gedauert und sie hat dabei gelacht. Und gerade gestern hab ich wieder den herrenlosen Hund gesehen, der sogar zu mir nach oben schaute, ja, der spürt so was.

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032 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 032
perlenketten. lichtgraues regengeschmeide.
wer augen hat zu sehen, sieht es an, findet in jedem tropfen ein bild, kleinrund, in zittriger haut gefangen. fällt eins zu boden, ist das bild ausgelöscht in der natur. nur noch im speicher, irgendwo in dem knochenbehälter aufgehoben, schmiegt sich in eine hirnschlinge hinein, taucht vielleicht wieder auf in träumen oder neuen bildern. bilderketten, aufgehängt im traumkino, flirrende kugelblitze, verwirrende verwischte flecken verlöschen am morgen.

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032 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 032

Bin sei 12 Jahren auf dem Flohmarkt. Verkaufe alles was mit Gas- Wasser zu tun hat. Klar, auch Wasserhähne, Ventile, Rohre. Ich bau schon am Tag davor den Stand auf, um den besten Platz zu bekommen. Ja, ich übernachte dann im Auto, unbequem ist es nicht, bin ja nicht so groß. Und dann gehts auch schon um sechs Uhr los, alles richtig hinlegen, das Auge kauft ja mit. Und so ab halbsieben kommen auch schon die ersten Kunden, vom Hobbyheimwerker bis zum Gas-Wasser-Meister, der ein Schnäppchen kaufen will und dem Kunden dann zehnmal teurer verkauft. Alles drin. Mit dem Flohmarkt kann ich mir dann mal was größeres leisten, nen Fernseher oder so, bekomm ja meine Rente, wenn auch nicht viel. Ich war Nachtportier damals, bis ich dann eine über die Rübe bekam. Na ja, Frührentner und dann musste ich halt mal schauen. Und dann kam ich auf die Idee, zuerst nur Wasserhähne. Wo ich die selbst einkaufe verrate ich nicht. Aber kommen se doch noch mal vorbei, ist bestimmt auch was für sie dabei das nächste Mal.

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