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037 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 037
“ACHTUNG!” sagt die Stimme, “TÜREN ÖFFNEN LINKS!”

Welche? links? mal klicken, linkslinkslinksspringenauf, alte pockige fensterläden schultafeln RUMMS URKNALL rostige riegel fliegen hoch.

wuschwuschwischschsch kreidige Botschafter winken
“HALLO DU”

links links verrottete schmierige messages messenger Nachrichten für Lobby-Ärsche fließen über.

laufen ab triefen linkslinkslinks
“ACHTUNG! TÜREN ÖFFNEN LINKS!”
..
..

037 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 037
Was soll ich machen? Seit Tagen laufe ich hier vorbei.
Immer sind die zwei Stühle leer. Döner und Pommes gibt es hier.
Mein Türkisch ist schlecht, das Deutsch der Verkäufer ist schlecht.
Einmal die Woche aß ich immer einen Döner und trank Ayran dazu.
Seit zwei Wochen aber ist nichts mehr wie es ist. Da ist nichts zu machen.

Es hat geregnet vor zwei Wochen. Aber sie saß mit Kopftuch vor der Dönerbude und hat mich angeschaut. Und ich hab mich neben sie gesetzt, “Hallo” gesagt, ein Fetzen Döner schleifte schon über meine Finger.  Sie hat nichts gesagt, saß nur da und schaute mich an. Ich bot ihr meinen Ayran an. Sie hat nichts gesagt. Ich hab zum Dönermann geschaut, der schaute mich auch an. Dann hat sie mich angeschaut und “Tschüss” gesagt. Ich hab’ den Döner liegen gelassen, den Ayran nicht ausgetrunken und bin ihr hinterher gelaufen. Aber sie hat sich nicht mehr umgedreht und ist in der U-Bahn verschwunden. Ich hab mir dann die Joghurtsoße noch von den Fingern geschleckt – bis ich Zuhause war, war es bereits dunkel.

Jetzt laufe ich hier seit Tagen vorbei und mag keinen Döner mehr essen.

036 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 036

pop-art pop-art war gestern. heut ists mir egal, ich trage meine klamotten. meine schwarzen stiefel auf meinen schwarzen strumpfhosen unter meinem schwarzen mantel so what. meine tasche op-art pop-art lenkt perfekt den blick fort, fort von mir, von meinem gesicht unter meinem schwarzen hut. alle sehen nur auf die tasche, alle sehen nur auf den frechen baumelnden schirm. im schatten der hutkrempe brennen meine augen löcher in den asphalt, stanzen kleine quadratische muster in den gehsteig. klack klack schlagen die absätze den takt dazu. so geht das! und so geht das immer weiter, bis in die nacht hinein. dann prägt mein licht streifen in das fell der hunde, die mir begegnen, punkte auf die mäntel und beine der leute. ich bin musterwoman, die frau mit dem stechenden blick. am morgen beim aufstehen wundern sich hunde und menschen über ihr neues outfit. manche lieben es, manche bekommen angst, weil sie sich nicht erinnern können, wo sie am abend vorher gewesen sind.

036 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 036

Ich begleite sie, ich gebe ihr Hoffnung, ich blende sie, ich wärme und steche. Aber meistens sieht sie mich nicht. Ich lauf immer hinter ihr her. Im Frühling verwechselt sie mich oft mit einem Schatten. Im Sommer schaut sie sich dann nicht mehr um. Im Herbst lacht sie mich aus. Im Winter steckt sie ihre kalten Hände tief in die Taschen und denkt an heiße Schokolade. Mir ist das recht. Ich schau ihr nach, ich flüstere ihr hinterher. Ich komme ihr immer sehr nah. Manchmal puste ich in ihr Ohr.  Nie bemerkt sie das ich ihr durch das Haar streiche, nur wenn es in ihrer Nase kitzelt schaut sie sich um, manchmal schaut sie dann sogar in den Himmel. Und sie schaut so schön, mit ihren braunen Augen, die wie Stecknadeln in den Himmel picksen. Ich fasse nach ihrer Hand manchmal, sie schaut auf ihre leere Hand und lächelt dann.

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