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041 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 041die große halle – alles deins! kratzer, schrammen, bunte wischer, – welch großes werk! die container sind raus, alles raus und nun der boden hinterher, an allen vier ecken wird gemeißelt und gesägt, die mäuse rennen, die startlinien zittern, die logistik ist noch unklar. Zu viele unschärfen noch, der tieflader trägt nur wolken heran, der museumsdirektor hat keinen saal frei. nicht leicht, den boden aufrecht zu stellen. der kurator schlägt vor, erst das zu probieren und dann ein neues museum darum herum zu bauen. in der presse ist die rede von größenwahn und kostenexplosion und wie blöd man eigentlich sein kann. dir egal, fleckenteufel, angst haben darfst du nicht. die zeichen, die spuren sprechen deutlich aus, was sache ist: an die wand damit und fertig. der rest – nicht deine sache.

041 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 041Man hat mich in Stein gemeißelt, dann in Bronze gegossen.
Man hielt eine Rede über mich, dann vergaß man mich.

Sie wollten mich für immer für sich, nur für sich.
Sie haben gesagt,  ein Mahnmal ist das, ja ein Denkmal für die Gemeinde.

Jetzt versuche ich mich zu erinnern. Wie haute man mich in Stein, welche Werkzeuge hat man verwendet, wo sind die Kanten abgebrochen, wer hat mich in Bronze gegossen, wer hat die Bronze bezahlt, gab es Verletzungen, werde ich stehen, immer stehen, auf dem Stein, auf dem Boden. Was ist Bronze – was für eine Legierung ist für mich gemacht worden – ist es nur Rotguss?

Man schaut schon auf mich.
Sie wollen nicht gestört werden.

Jetzt fotografiere ich mich. Die Sonne steht hoch. Mir ist kalt, mit bloßen Füßen. Gleich renne ich weg – noch einen Moment …

040 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 040
am fenstertisch im einzigen sonnenfleck dieser kneipe sitzt sie in ihrem himbeerroten kleid, stochert mit dem strohhalm im milchshake, stochert, saugt, spitzt die lippen, stochert, schlürft.

Sssslllllooooooooorrrchhhhhh röchelt der rest im glas. die sonne wandert – diese ohren oh diese ohren schneeweissglatt fastrund knackigzart — zum dahinschmelzen. die sonne strahlt laut, lauter, lässt sie wachsen, die kleinen süßen ohren, plopp-plopp,

plopp-plopp, überall aus der himbeerroten schönen wachsen neue pärchen, plopp-plopp, plopp-plopp. sie sitzt und lauscht, ein einziges lauschen ist sie nun, eine lauschskulptur auf ihrem stuhl. plopp-plopp,

plopp-plopp. die sonne lacht und sie, sie wächst mit ihren ohren in den himmel rein. da lauscht sie, heute noch, auf das krickelkrackel der großstadtstraßen und wär so gern wieder himbeerrot. nur manchmal, wenn sie gut gelaunt ist, erfüllt ihr die sonne ihren sehnlichen wunsch, kurz bevor sie hinter den dächern verschwindet.

040 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 040“Auf die Plätze fertig … Herr Bürgermeister lassen Sie die Akten unten, ihr Bürovorsteher hat schon ein Blaues Auge davon … auch der Herr Pfarrer ‘Amicus certus in re incerta cernitur’ stehen Sie Ihrem Ministrant nicht auf dem Fuß. Ich versuche es noch einmal: Auf die Pl…. Herr Bürovorsteher betatschen Sie den Ministranten nicht andauernd und Herr Ministrant schauen Sie nicht so gelangweilt. Sie wissen doch alle, warum wir hier stehen, warum das alles nicht anders geht. Also fassen Sie sich ‘Faber est suae quisque fortunae’. Ich versuche es jetzt zum wirklich letzten Mal “Auf die Plätze fertig … los!” So gefällt mir das, schön in der Reihe bleiben, ‘Fortes fortuna adiuvat’ . Na, geht doch. Und jetzt zum Endspurt, Sie sind alle sehr gut in der Zeit.  Sehr schön. Nächste Woche, gleiche Zeit. Ich bedanke mich meine Herren.”

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