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005 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 005sie sieht ihren vater vor sich hergehen, schwarzer ruckelnder schatten im weissblau des morgens. die schlittenschnur um die hand geschlungen, die schultern gebeugt, den kopf mit dem grauen hut gesenkt. schritt. schritt. schritt. der frost beisst das kind. das weint, das schreit, der vater gibt vor, nichts zu hören. die tränen frieren auf der haut des kindes. das kind schließt die augen und weint leiser, die hände fest an das schlittenholz geklammert. der vater geht schneller. der schlitten springt über die buckel, hüpft, bockt, wirft das kind auf’s eis. es ruft, es schreit, der vater rennt, großer schatten, kleiner schatten, schlingernder schlitten, verschwunden. das kind schreit minutenlang. an der wegkrümmung bewegt sich ein kleiner schwarzer punkt. langsam auf das kind zu. kleiner schatten großer schatten. großer schatten, schreiender mund. WIRST du jetzt ENDLICH STILL sein? das kind steht am gitter. es streckt die zunge raus und legt sie an die eisenstäbe.

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005 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 005Das ist mein Stuhl, das ist mein Ball. Das ist meine Sonne, die auf den Teppich scheint. Und den Schatten, den hab‘ ich gefangen – für dich. Aber du wolltest ihn nicht. Den Schatten hab ich dir sogar aufgemalt.
Ich mag Blau und ich mag Orange. Ich mag es zu zeichnen. Und ich mag die Sonne. Ich hab gespielt mit dem Ball, mit den anderen Kindern und ich hab mich gefreut wie sanft er meine Wange streichelt. Auch die Sonne war warm als ich stehen blieb, kurz stehen blieb. Dann hat mir ein anderes Kind den Ball weggenommen und ich lief ihm hinterher und wir kreischten und der Stuhl fiel hin und ich fiel auch hin.
Aufräumen sollen wir alles. Aber wir finden es schön, so wie es ist. Die Sonne scheint auf meine Schattenzeichnung und die Sonne macht einen Schatten mit dem Stuhl. Und der Ball ist so schön orange und die Sonne so schön gelb und der Stuhl so schön blau. Wir finden es schön so schön und lachen und lachen …

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004 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 004hüterin des sommerschatzes, wie unscheinbar bist du!
alt, bedeckt mit narben und moos, fleckig und verwundet von rostigem eisen.
stille wacht hältst du im dämmrigen garten.
messer schrieben in deine haut, herzen und namen und beschwörungen.

die messer sind tot, die kinder erwachsen, sie wissen nichts mehr von dir, nichts mehr von dem, was du verbargst.
nichts mehr von dem duft, dem knistern, den geheimnissen, die darin flüsterten.
die hasen hängen stumm kopfunter mit bläulicher haut und klopfen auf holz.
der schimpfende mann bleibt stumm in diesen zeiten.
die kinder sind groß.
die hasen sind tot.
das heu ist verstaubt und verfault und vergessen.
im hasengarten hausen geister, die heulen nachts im apfelbaum.
nein, das sind käuzchen, sagt der mann.
er weiss es nicht besser.

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004 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 004 Ach die Traurigkeit. Schau, der Weg geht weiter, die Sonne scheint sogar. Die Bäume haben noch Laub. Der Weg geht weiter. Moos wächst auf deinen kalten Gliedern. Und Flügel, wer hat schon Flügel in unserer Zeit? Komm, zeig mir deine Hände, deine Augen, zeig mir deinen Flug! Wohin fliegst du mit mir?
Du hast geträumt wie Ikarus zu fliegen? Aber du weißt doch von seinen Flügen! Drum flieg du, mit deinen Flügeln, überwinde deine moosige Melancholie. Sieh die Sonne, wie sie auf deinen Flügeln glänzt. Steig‘ empor, ball‘ nicht mehr die Hände zur Faust sondern laß deine Hände in der Luft gleiten. Schließe kurz die Augen, die Sonne wärmt, die Kraft kommt wieder. Komm, steig auf, gleite, fliege – der Himmel gehört auch dir.

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003 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 003wie groß ist das schwarz! schwarz wie die welt unterm gullydeckel, wie sieben raben, wie schneewittchenhaar, wie enwitt, wenn er schweigend irgendwo im geflirr einer vernissage stand. schwarz ist negativ, sagt die anthro-frau. wenn du schwarz benutzt, ist das ein böses zeichen. die harmonie ist gestört. ich schaue ihre bilder an. ich denke an weleda-reklame. ich gehe raus in die nacht und trinke das schwarz. es liebt mich. es erfüllt mich bis an den rand. der morgen kommt und kämpft. meine hand beginnt zu leuchten. schwarz und weiss. weiss und schwarz. zebramusik. ebony und sieben raben im schnee. schwarz ist traurig, sagt die pressefrau, die die federzeichnungen der kinder betrachtet. weiss ist nichts ohne das schwarz sage ich. deine texte, weiss auf weiss… sie lacht, schaut auf ihre finger. aber das ist was anderes, sagt sie.

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