logoGo2Go


008 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 008Hier sind sie gelandet. Die kleinen grünen Männchen. Wir finden sie, ja, ich finde sie! Die anderen haben schon aufgegeben. Nur noch mein Freund und ich schauen nach ihnen. Die haben sich ganz tief in den Boden gegraben. Denn die haben angst. Vor was? Vielleicht ja sogar vor uns, wir sind doch so gross und die kleinen grünen Männchen sind so klein.
Eigentlich dürfen wir auch gar nicht über den Acker gehen. Aber als wir beide, mein Freund und ich heute von den kleinen grünen Männchen geträumt haben, die auf dem Acker gelandet sind, da haben wir unsere anderen Freunde geholt und sind auf den Acker. Aber die anderen haben bald die Lust verloren, haben gesagt, das wir spinnen und doof sind und sie lieber fangen spielen wollen. Aber wir finden fangen spielen doof und wir finden die grünen kleinen Männchen toll. Man muss nur ganz arg doll schauen und sich konzentrieren. Vielleicht ein paar Steine wegnehmen, die Erde lockern, da ein Regenwurm und auch was Grünes, naja, kein grünes Männchen. Vielleicht sind die auch schon wieder weggeflogen, haben schon genug gesehen und sind wieder nach Hause. Puh, kalt ist es schon. Aber ein wenig werde ich noch nachschauen. Jetzt werde ich noch was auf einen Zettel schreiben, „Ich warte auf euch, ich glaube an euch, ihr kleinen grünen Männchen. Macht es gut, bis später“. So und dann werde ich mit ihnen auf ihren grünen Planeten fliegen und die anderen bleiben Zuhause.

Print Friendly, PDF & Email

007 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 007– keep cool, die packen wir. kein grund, abzutauchen.
– ich tauch doch nich’ ab. is’ kalt!
– gestern warste auch schon so.
– wie: so? was meinste denn?
– so schissermäßig drauf warste, echt.
– wieso? was hab’ ich denn…
– seitdem du dieses blöde hellblaue teil von deiner mama gekriegt hast, bist du…
– was hat denn meine mutter…???
– babyblau, oooäch, da krieg ich doch daskotzen. und siehste ja, was bei raus kommt. schisserbiste geworden.
– hey, jetzt komm mal wieder runter. dassis cool jetzt. reicht doch, wenn du rumrennst wie so’n C&A-Zorro.
– markenfuzzi!
– asi!
– so, jetzt guck mal da! du bist doch’n echter volltrottel! jetzt machen die zu. jetzt geht da gar nix mehr. jetzt müssen wir warten bis morgen. bloß weil du dichnix mehr traust!
– na, dann pass mal auf!
– aua! spinnst du?
– so! und hier haste noch ein’.
– au du arsch!
– so! und mathe kannste dir jetzt auch allein reinzieh’n!
– mistkacker!
– tütensuppenkasper!
usw.usf.

Print Friendly, PDF & Email

007 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 007 Vorhang auf. Nein. Ich bleibe noch hier. Tu‘ den Samtvorhang noch einmal zurück. Lass uns noch einmal gemeinsam hinsetzen und die Stille genießen. Was sagst Du? Rück‘ den Stuhl ein wenig näher. Du willst über früher reden. Ach, schau das Früher ist wie der Samt der Vorhänge hier. Schau auf das Jetzt, schau nach Vorne, geh! Du meinst ich soll still sein und zuhören was die Vorhänge von Früher zu sagen haben, das ich nicht lache. Na gut. Ich bin still.
Ja, sie flüstern, im roten Samt stecken die Worte, Gerüche, Gefühle von Jahrzehnten. Es ist die Haut der Vergangenheit, in jeder roten Faser eine Geschichte, jede Falte ein Roman. Du musst nur zuhören, hörst du, hörst du dir zu. Nein, bleib sitzen, ruhig, nimm meine Hand, beweg dich nicht und schau auf die Worte, Sätze, Kapitel, Romane.
Gut, lass uns noch ein wenig hier sitzen. Lass uns Fäden verknüpfen und den Staub fallen hören. Aber dann lass uns auch aufstehen und neues Finden und uns dann später wieder hier zu treffen. Komm, mach‘ den Vorhang zur Seite.

Print Friendly, PDF & Email

006 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 006

Er trat aus dem verrauchten, piependen, dudelnden Laden hinaus auf die Straße. Die Sonne tat ihm in den Augen weh. Seine Sonnenbrille hatte er unterwegs verloren, wahrscheinlich in dieser Eckkneipe mit der älteren vollbusigen Wirtin hinterm Tresen, der der Sprit schon in den Augen stand. “Nu trink mal, Junge“, hatte sie bei jedem Sauren gelallt, den sie ihm einplörrte. Ex und hopp! Ihm war alles Wurscht gewesen, meine Güte, so egal das alles. „Hab doch kein Geld mehr“ hatte er gemurmelt. Die Wirtin hatte abgewinkt, egal, egal, trink man. Hatte wohl Gesellschaft gesucht zum Saufen. Sie hatte Geld in die alte Musicbox geschmissen und ihn zum Tanzen genötigt. Meine Güte, die hatte einen Drall drauf, trotz ihres Suffs. Irgendwann war sie auf die Toilette verschwunden. Und er hatte die Gelegenheit zu einem Griff in die Kasse genutzt. Und war verduftet, war durch die diesigen nebligen Straßen geschlurft, in der Nase den Braunkohlegeruch, der hier an allem zu kleben schien. Vor einer Haustür mit der Nr. 3 hatte er kotzen müssen. Bei der Zahl 3 war es ihm schon öfter hochgekommen. Keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Er wischte sich Mund und Nase mit dem Ärmel und ging weiter. An der nächsten Ecke blieb er stehen. SPIELSALON las er über einer Tür. Er trat ein und fühlte einen ganz anderen Rausch als den, den er sich gerade aus dem Leib gereihert hatte. Er wühlte in seinen Hosentaschen nach dem Geld und legte los. Die anderen beachteten ihn nicht. Sie hatten genug zu tun mit ihren eigenen Sachen. Münze um Münze wanderte in die gierigen Schlitze. Er konnte es nicht fassen. Er hatte eine Serie, wie er sie noch nie erlebt hatte. Die Automaten spuckten und spuckten, er konnte das Geld kaum noch in seinen Taschen verstauen. Der Wirt öffnete die Tür zum Hinterzimmer. Da saßen ein paar Zocker beisammen, die Scheine wanderten nur so hin und her, blieben auch mal liegen, stauten sich, türmten sich zu ansehnlichen Haufen. Er schluckte, setzte sich und stieg ein. Es war unglaublich! Seine Strähne hielt an. Die Töpfe wurden größer und größer, die Einsätze riskanter – am Ende hatte er sie alle ausgenommen wie die Weihnachts-gänse. „Also was ist jetzt?“ brüllte er sie an. „Hey, ihr habt Schulden ohne Ende! Wie komm ich an mein Geld?“ Die Jungs erhoben sich müde, winkten ihm, ihnen zu folgen. Sie traten aus der Tür und gingen los.
„Hey“, rief er, „was soll das? Ihr könnt nicht einfach so abhauen! Spielschulden sind Ehrenschulden!“ Sie winkten ab und schlurften weiter, blieben stehen und der größte und mieseste der Typen zeigte müde auf die Autos, die vor einem Haus mit verrammelten Fenstern parkten. „Da. Nimmse Dir. Mehr ist bei uns nicht zu holen.“ Oh nein. Er hielt sich die Hand vor den Mund, bog und krümmte sich, wedelte mit dem anderen Arm die Jungs beiseite und rannte, so schnell er konnte. Die drei Zocker starrten ihm nach, Hände in den Hosentaschen, kopfschüttelnd, wirklich konsterniert. So standen sie da ein Weilchen, dann sagte der Längste: „Na lass ma. Ick jloobe so’n Wessi is’ den Kerls doch sowieso nich jewachsn.“ Und sie stiegen ein und fuhren los, froh, ihre Spielschulden auf so `ne lockere Art los zu sein.

Print Friendly, PDF & Email

006 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 006Jetzt mach ich einen Kopfsprung. Auch wenn alle Enten doof gucken. Ich werde Schwung nehmen und ins Wasser springen, eiskalt. Früher hatte ich angst vor Kopfsprüngen. Als Kind sprang ich vom Dreimeterbrett ohne Kopfsprung, ich sprang einfach so in das Wasser. Natürlich konnten die meisten einen Kopfsprung – ich nicht. Aber das ist jetzt egal, vergessen. Heute werde ich einen Kopfsprung machen. Mein Element ist das Wasser. Ich tauche ein, ich spüre wie das Wasser meine Haut berührt, durchdringt, wie ich schwebe, mit einigen festen Zügen immer weiter und weiter schwimme. Ich werde Land sehen, nicht nur Eis und Schnee. Ich werde die Sonne sehen wenn ich auftauche, werde die Menschen fröhlich ansehen und ihnen Wasser auf die Füße spritzen. Dann werde ich aus dem Wasser steigen und wieder, ja wieder einen Kopfsprung machen. Und ich fühle wie das Wasser hart ist und dann weich, ich fühle wie das Wasser kalt ist und dann warm. Ich fühle wie ich vorwärts komme, mit jedem Zug. Ich tauche unter, ich tauche auf. Ich atme ein, ich atme aus. Ich tauche in das Wasser und atme aus, ich tauche auf und atme ein. Auf dem Grund des Bodens sehe ich die Fische, wie sie glänzen und Enten und Schwäne deren kleine Füße paddeln und doch schneller sind als ich. Ich gehe aus dem Wasser. Ich mache mich bereit. Ein Kopfsprung ist so einfach.

Print Friendly, PDF & Email
« vorherige Seitenächste Seite »

Seiten: Zurück 1 2 3 ... 16 17 18 19 20 21 22 23 24 Vor