011 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)
Es ist schon das einhundertachtzehnte Möbelstück heute.
Ich packe an – alles. Seit einundzwanzig Jahren.
Schon immer trug ich Handschuhe, weiße. Klar, die Kollegen machen sich lustig über mich.
»Na, willste wohl keine Schwielen haben, du Schwuchtel, und dazu noch weiße Handschuhe, das Madämmchen.«
Ist mir egal, dafür packe ich mehr als alle anderen. Die keuchen ja schon bei einer Bücherkiste und eine Plattensammlung können die nie alleine tragen. Aber ich!
Meine Hände haben keine Schwielen und meine Frau freut sich, wenn ich ihr mit meinen glatten Händen über die Haut fahre.
010 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)
Der kaffee war mies in dieser kneipe. Die kellnerin mit den rosa hacken war das einzig sensationelle hier. nur deshalb kam er immer wieder her, gab vor zu lesen und erfreute sich an diesen maulwurfsschnäuzchen-rosafarbenen hacken, die zwischen fußbett und riemchen der schwarzen gesundheitsschuhe hervorguckten. Sie selbst war es gar nicht, nur ihre hacken. er war sich nicht klar darüber, was ihn daran so anmachte, war es die farbe, war es die pralle fleischigkeit? Oder beides zusammen? er wusste nur, dass er sie hinreissend fand.
stundenlang konnte er da sitzen und zusehen, wie sie über den schmuddeligen fliesenboden flitzten. aber heute war alles anders. empört registrierte er ein kleines buntes pflaster, das sie verunzierte. ein kleines buntes pflaster mit einer diddl-maus darauf. wie grässlich! diese entweihung!
wie konnte sie nur? er stürzte den rest der widerlichen schwarzen plörre herunter, klappte sein buch zu, legte ein geldstück auf den tisch und ging, schnell, ohne sich noch einmal umzudrehen. zu hause angekommen, schrieb er ein gedicht und vergaß sie für immer.
-
-
010 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)
Sag mir, wo sind sie geblieben … wo sind sie hin … die Luft ist nicht schwer aber schwer zu ertragen ohne etwas zu tragen … weisst du noch als sie stundenlang saßen .. sich hin und her bewegten, dem Nachbarn zuraunten, unsere Füße mit ihren Füßen berührten … sag mir … ich rieche nur unser Polster, den nackten Stahl an unseren Füßen, wo ist der Schweiß, der Geruch von Haut und Haar geblieben … und wisst ihr noch als die Kinder auf unsen Sitzen liefen, wisst ihr noch als sie die Reise nach Jerusalem mit uns spielten … heute kam nur die Putzfrau und wedelte an unseren Füßen vorbei … sauber und leer … jetzt warten wir nur noch darauf gestapelt und vergessen zu werden.
009 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)
tolles land, alles schön gerade so, linksrechts, rechtslinks, wird sogar noch’n tannebaum von, schön pieksig nach unendlich. sssssst sausen klingeln bimmeln rechts die räder, schön treten, links mutterkindverkehr, wo ist der papa, der papa macht geld, mutterkind machen blau, immer schön auf splitt, knatschknatsch schlurren die schritte, za-pingg hopsen die splittsteinchen davon. grünet die hoffnung säuseln die bäume am rande, doch tannebaum bleibt weiss, grad bleibt grad, rechts bleibt rechts, links bleibt links und mitte bleibt geradeaus zwischen allen bänken.-
-
-
-
-
-

