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056 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Wie soll ich das erklären? Es kann eigentlich nicht einfach so heraus fallen, dachte ich jedenfalls. Schlüssel, Geldbörse, Smartphone, Tabletten, Messer landeten schon einmal auf der Straße. Aber das? Wer hätte es ahnen können?
Ich spürte seit dem Aufwachen das irgend etwas anders ist. Mein Spiegelbild signalisierte mir aber: alles in Ordnung. Deshalb fütterte ich wie jeden Morgen meine zwei Kornnattern mit den vier Sperlingen, die ich gestern fing.
Dann wollte ich eigentlich nur noch meinen Job für heute hinter mich bringen. Also steckte ich die Beretta M12 ein und erledigte das was zu tun war.
Erst als ich mir nach Feierabend mein Gläschen Wodka gönnte war da wieder etwas, was nicht so war, wie es sonst war. Die Sonne schien, aber der Mond auch und die Lampen auf den Straßen flackerten. Und dann fiel es mir einfach heraus. Einen Augenblick lang sah ich noch seinen Schatten, dann verschwand es aus meinem Leben. Mehr kann ich dazu wirklich nicht sagen.

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055 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

wie wir warten
zwischen winterzweigen
glatt ohne blatt
grauknospendes winken
grün nur das moos
unter den füßen
wie wir warten
mit rostiger kehle
unser frühlingslied
üben

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055 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

„Ich gehe, Du gehst, wir sind gegangen, ihr werdet gegangen sein. Warum ist es schon wieder so spät? Der Himmel und die Hölle. Das Rot und der Spiegel.  In das Wasser, über das Wasser gehen. Nach Hause gehen. Wohin gehen?
Ich bliebe. Du bleibst, wir würden bleiben, ihr seid geblieben.
In die Püftze kriechen, in der Pfütze verschwinden, durch die Pfütze hindurch schwimmen in das andere Leben. Wie spät ist es?“

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054 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Foto: Jürgen Gisselbrechtdas geräusch ertönte seit tagen. jeden morgen war es zu hören. jeden morgen schob sie die gardine zur seite und schaute hinunter. immer bot sich das gleiche bild. die leute kratzten den frischen schnee zur seite. darunter kam das steinerne rechenheftmuster hervor, sonst nichts. an einem sonntagmorgen, es war schon spät, wurde sie davon geweckt, dass die sonne ins zimmer schien und die narzissen in dem blauen topf hell aufleuchten liess. sie hielt sich die hände vor die augen. so hell, zu hell! – rief sie. sie zog sich an, setzte die dunkle brille auf und ging hinunter. da sah sie es: die bemühungen der leute hatten erfolg gehabt. sie hatten eine stelle freigeschabt, die den einblick in eine andere welt zuließ. alles dort schien auf dem kopf zu stehen. das haus mit dem roten dach, das bisher zu sehen war, liess diesen schluss zu. seltsam, dachte sie, es ist doch seltsam, dass noch niemand diese aufregende sache entdeckt hat. vielleicht weil heute sonntag ist? schnell lief sie die treppen hinauf und schickte der zeitung ein foto und eine mail. kommen sie schnell, schrieb sie. die leute werden kopf stehen, wenn sie das sehen! wer weiss, was noch alles erscheint, wenn das bild sich erweitert. zirkusartisten, die kopfüber an trapezen schaukeln. turmspringer, die plötzlich aus dem boden schnellen. von bauchklatschern gerötete bäuche, erdfontänen, aus baggerschaufeln heraufgeschüttet – ach, kommen sie selbst vorbei, machen sie sich ein bild! sie schickte alles ab, legte sich wieder hin und am nächsten morgen war die stelle mit rot-weissem flatterband gesichert. fotoreporter und kamerateams umringten die stelle. leitern führten hinab, um die forschungseliten auf den grund zu bringen. in der zeitung stand nichts. aber im fernsehen war deutlich die blasse gestalt mit der sonnenbrille zu sehen, die oben am fenster stand.

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054 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Foto: Jürgen GisselbrechtGerade als Bananenbieger macht mich das sehr traurig. Wie viel Arbeit ich darauf verwandt habe diese Banane in die richtige Krümmung zu bekommen. Als grober Mensch stellen Sie sich dies sicherlich so vor als ob Sie einen Draht biegen würden. Ha! Meditation ist das, Konzentration. Wir tragen alle gelbe Handschuhe, die dünner als ein Fliegenflügel sind. Wir beginnen immer in der Mitte und gehen von dieser in die Krümmung der von Ihnen bekannten Banane. Anfänger können höchstens eine kleine Krümmung in die Banane biegen. Wir schaffen fast einen Halbkreis. Diese Ware bekommen Sie aber als Europäer nie zu sehen. Diese Banane, diese Hülle hier sollte Europa nie zu sehen bekommen. Wir machen von nun ab keine Ausnahme mehr, Europa bekommt nur noch Bananen mit einer Anfängerkrümmung. Denn diese Banane, achtlos im Gestrüpp, zeigt doch die gesellschaftliche Verrohung und was diese schon immer, ja ich sage immer schon, von uns Bananenbiegern gehalten hat.

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