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040 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 040
am fenstertisch im einzigen sonnenfleck dieser kneipe sitzt sie in ihrem himbeerroten kleid, stochert mit dem strohhalm im milchshake, stochert, saugt, spitzt die lippen, stochert, schlürft.

Sssslllllooooooooorrrchhhhhh röchelt der rest im glas. die sonne wandert – diese ohren oh diese ohren schneeweissglatt fastrund knackigzart — zum dahinschmelzen. die sonne strahlt laut, lauter, lässt sie wachsen, die kleinen süßen ohren, plopp-plopp,

plopp-plopp, überall aus der himbeerroten schönen wachsen neue pärchen, plopp-plopp, plopp-plopp. sie sitzt und lauscht, ein einziges lauschen ist sie nun, eine lauschskulptur auf ihrem stuhl. plopp-plopp,

plopp-plopp. die sonne lacht und sie, sie wächst mit ihren ohren in den himmel rein. da lauscht sie, heute noch, auf das krickelkrackel der großstadtstraßen und wär so gern wieder himbeerrot. nur manchmal, wenn sie gut gelaunt ist, erfüllt ihr die sonne ihren sehnlichen wunsch, kurz bevor sie hinter den dächern verschwindet.

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040 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 040„Auf die Plätze fertig … Herr Bürgermeister lassen Sie die Akten unten, ihr Bürovorsteher hat schon ein Blaues Auge davon … auch der Herr Pfarrer ‚Amicus certus in re incerta cernitur‘ stehen Sie Ihrem Ministrant nicht auf dem Fuß. Ich versuche es noch einmal: Auf die Pl…. Herr Bürovorsteher betatschen Sie den Ministranten nicht andauernd und Herr Ministrant schauen Sie nicht so gelangweilt. Sie wissen doch alle, warum wir hier stehen, warum das alles nicht anders geht. Also fassen Sie sich ‚Faber est suae quisque fortunae‘. Ich versuche es jetzt zum wirklich letzten Mal „Auf die Plätze fertig … los!“ So gefällt mir das, schön in der Reihe bleiben, ‚Fortes fortuna adiuvat‘ . Na, geht doch. Und jetzt zum Endspurt, Sie sind alle sehr gut in der Zeit.  Sehr schön. Nächste Woche, gleiche Zeit. Ich bedanke mich meine Herren.“

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039 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 039ihre schritte hallen im tunnel und draußen regnet es

der wind bewegt die blätter der büsche und bäume und sie geht

TRINKHALLE

halbliterdosen bier werden geknackt und an die lippen gesetzt

der alte graue löwe wirft den kopf zurück, schüttelt die imaginäre mähne, zieht an seiner zigarette und hustet

FORMEL 1 IMBISS

spielautomaten dudeln. kunststofftische auf hohen beinen. soßenspritzer, pommesbrösel. ranziges frittenfett. zischen. brutzeln. schaschlik. currysoße. kartoffelsalat. bohnensalat. tomatensalat. nudelsalat.
barhocker. plastikbezüge. heimatmusik. NDR Radio Niedersachsen.

der Mann am fenster schlürft seinen kaffee und furzt.
sie sieht zu ihm hinüber, legt die pommes in das sieb, schüttelt es und senkt es in das siedende fett.

der spärlich beleuchtete gehweg zum hochhaus.
der eingeschaltete fernseher im müll unterm fenster.
ein leerer dunkler raum voll flüsternder, wispernder stimmen. Aus den ecken raunen, in der mitte schweres atmen wie von einem, der ein geheimnis nicht preisgeben will. allein mit den stimmen, allein in dem dunklen raum mit den stimmen, die …

du stiehlst dich davon, lauscherin, in den nächsten raum, zu den anderen stimmen, stimmen, die zu gesichtern gehören, gesichtern auf monitoren ringsum. das haar. die stirnen, die augen. augenbrauen. nasen. münder. die münder, geknebelt von weißen tüchern, die münder, sie bewegen sich, quetschen laute, vokalbrei; konsonanten verhaken sich, bleiben stecken, insektenbeine im mullfilter, zerkratzen verborgen die münder, die verstummen sollen, nicht sagen sollen. horch! aber du weißt die bedeutung, dreh dich um, geh.

als sie nach hause kommt, ist die wohnung dunkel. sie schließt die tür hinter sich. ein unnatürlicher hall, die zimmer sind leer, alle möbel verschwunden. auf dem boden das telefon schweigt abrupt, wie erschreckt, nach einmaligem läuten. hallo? sie schaut durch die vorhanglosen fenster zur straße. im schein der einzigen laterne bewegen sich gestalten, die im sperrmüll nach nützlichem suchen.

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039 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 039
Samstag, Schützenplatz, Schützenfest. Gehe mit Andrea hin. Ihr ist kalt, kein Wunder. Ich kaufe ihr einen Paradiesapfel, sie beißt einmal ab. Ich esse nur Currywurst. Andrea zeigt auf die Plüschtiere. Den Elefanten soll ich für sie schießen. Fünf Schüsse. Ich würde gerne Riesenrad fahren. Andrea sagt, dass sie schon als Kind Kinderkarussel gehasst hat. Ringe werfen, als Kind gewann ich einen Aschenbecher. Wir gehen weiter, Andrea friert. Wir trinken eine Cola. Dann zeigt Andrea auf das Kamelrennen. Wir waren einmal in Tunesien. Da fror Andrea nicht. Aber ich hatte mir den Arsch wund gescheuert. Neben mir steht ein Mann und lacht. Ich werfe die Kugel, das Kamel rast 10 Schritte voran. Neben mir steht Andrea, sie hat eine kalte Hand. Alle Kamele sind jetzt hinter mir. Andrea wirft die Kugel, wir lachen zusammen. Die anderen Kamele kommen immer näher. Aber wir hängen sie weiter alle ab. Ich nehme das Stoffkamel, Andrea drückt meine Hand, drückt das Kamel an ihre rote Wange, ihr ist nicht mehr kalt, sagt sie, gehen wir nach Hause. Nächstes Jahr vielleicht Ägypten?

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