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036 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 036

pop-art pop-art war gestern. heut ists mir egal, ich trage meine klamotten. meine schwarzen stiefel auf meinen schwarzen strumpfhosen unter meinem schwarzen mantel so what. meine tasche op-art pop-art lenkt perfekt den blick fort, fort von mir, von meinem gesicht unter meinem schwarzen hut. alle sehen nur auf die tasche, alle sehen nur auf den frechen baumelnden schirm. im schatten der hutkrempe brennen meine augen löcher in den asphalt, stanzen kleine quadratische muster in den gehsteig. klack klack schlagen die absätze den takt dazu. so geht das! und so geht das immer weiter, bis in die nacht hinein. dann prägt mein licht streifen in das fell der hunde, die mir begegnen, punkte auf die mäntel und beine der leute. ich bin musterwoman, die frau mit dem stechenden blick. am morgen beim aufstehen wundern sich hunde und menschen über ihr neues outfit. manche lieben es, manche bekommen angst, weil sie sich nicht erinnern können, wo sie am abend vorher gewesen sind.

036 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 036

Ich begleite sie, ich gebe ihr Hoffnung, ich blende sie, ich wärme und steche. Aber meistens sieht sie mich nicht. Ich lauf immer hinter ihr her. Im Frühling verwechselt sie mich oft mit einem Schatten. Im Sommer schaut sie sich dann nicht mehr um. Im Herbst lacht sie mich aus. Im Winter steckt sie ihre kalten Hände tief in die Taschen und denkt an heiße Schokolade. Mir ist das recht. Ich schau ihr nach, ich flüstere ihr hinterher. Ich komme ihr immer sehr nah. Manchmal puste ich in ihr Ohr.  Nie bemerkt sie das ich ihr durch das Haar streiche, nur wenn es in ihrer Nase kitzelt schaut sie sich um, manchmal schaut sie dann sogar in den Himmel. Und sie schaut so schön, mit ihren braunen Augen, die wie Stecknadeln in den Himmel picksen. Ich fasse nach ihrer Hand manchmal, sie schaut auf ihre leere Hand und lächelt dann.

035 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 035wie die augenbrauen von martin walser denke ich manchmal, wenn ich sie sehe. wie dächer über die augen gespannt, die verschattet in ihren höhlen liegen. Aber überleg’ ich genauer, denk’ ich mir: nein, dass sie schatten werfen, das ist wirklich das einzige, was die augenbrauchen von martin walser und diese gebilde hier verbindet.

denn starr und abgezirkelt, steinern und unbeweglich, genau vermessen sind diese rundungen über den gittern (schallgittern?). die augenbrauen von martin walser dagegen sind wuschig, eichhörnchenschwänze, beweglich und wild wie tiere, die ihre krausen fühlerchen in alle himmelsrichtungen strecken.

035 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 035

Wir fanden die Leiche neben diesem Ding liegen. Gleich rechts daneben lag Günther R. mit offenem Mund als ob er noch was sagen wollte.
Hätte er nur noch etwas gesagt, denn: wie starb er, warum? Die Spusi konnte nichts finden, die Remi sagte nur lapidar »Er ist tot, warum, woran, wissen wir nicht — mal schauen.«.
Jetzt bin ich noch einmal in diese Wohnung gekommen. Hier kann ich besser nachdenken. Ich schau’ auf dieses Ding, halb Ballon, halb durchsichtiger Globus, dessen Schatten vibriert. Warum vibriert er? Ich lege die Hand auf das Ding, es wird heller, vibriert ein wenig.
Als Kind warf ich die Ameisen in einen Wasserbottich und sah ihnen zu, wie ihnen nach und nach die Kräfte versagten. Mein erstes Auto, ein alter Citroen, musste ich mit der Handkurbel oft überzeugen wieder anzuspringen. Dabei lernte ich auch Manuela kennen, meine Frau. Eigentlich wollte ich Wissenschaftler werden, Biologe. Jetzt bin ich seit 15 Jahren Polizist, Mordkommission R2 in Mannheim.
Meine Kollegen wissen nicht, das ich hier bin. Ich fühle mich gut, warm, aber müde. Ich werde ein kurzes Nickerchen machen.

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