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042 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 042weniger nebel wäre schön. so wie es jetzt ist, darf es nicht bleiben. nur schemenhaft zeigen sich häuser, bäume, menschen. der fluss ist verschwunden, ganz und gar. auf meinem bett liege ich und verschwinde ebenfalls – in eine welt jenseits des milchsuppentals. in eine tütensuppenwelt, kann sein, kann gut sein. dort ist es bunt, dort ist es farbig von versprengten tomaten-, paprika-, gurkenpartikeln, die in den wundertüten wohnen, in diesem gelben tütensuppenpulver. es ist lustig dort, denn auch sternchen, muscheln, buchstaben turnen herum und es macht spaß, sie aneinander zu reihen, xyplobax*tabitirauxibauxi***prrrrrrrrr ***prrrruuuuuuuu. den ganzen tag lieg ich auf dem bett und rühre sie um, herum, neue wörter mache ich und kleine türme aus paprikatomatengurkenpartikeln. so schön! so bunt! mir wird ganz anders vom rühren und bauen und lesen und lachen – sehr müde werd ich – und schlafe ein. an einem neuen morgen, als ich aufgestanden bin, gehe ich zum fenster – da ist der fluss, da sind die blumen, da ist das boot, das feine braune! die welt ist wieder da. ich gehe in die küche und mache feuer unterm suppentopf.

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042 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 042
Ich seh mich ja gern im Spiegel an. Meine Frau sagt „An jedem Spiegel musst Du stehen bleiben und rein gaffen.“ Meine Frau sieht auch nicht schlecht aus, die verschwindet dann eben mal im Bad um sich zu schminken. Ich schau mich halt gerne an, so in natura. Mein Muskeln trainiere ich fünf Mal die Woche, ich schau mir dann zu wie sich die Muskeln spannen, wie glatt die Haut ist.  Und am Wochenende laufe ich noch im Wald, an einer Ecke hängt ein Spiegel. Dort dehne ich mich, schaue mich immer wieder an, schaue im Winter wie mein heißer Atem die Luft erwärmt. Zuhause schaue ich mir dann noch den Schweiß auf meiner Haut an. Zum Geburtstag hat mir meine Frau sogar einen kleinen Spiegel gekauft „Dein neuer Freund!“, hat sie gesagt.

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041 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 041die große halle – alles deins! kratzer, schrammen, bunte wischer, – welch großes werk! die container sind raus, alles raus und nun der boden hinterher, an allen vier ecken wird gemeißelt und gesägt, die mäuse rennen, die startlinien zittern, die logistik ist noch unklar. Zu viele unschärfen noch, der tieflader trägt nur wolken heran, der museumsdirektor hat keinen saal frei. nicht leicht, den boden aufrecht zu stellen. der kurator schlägt vor, erst das zu probieren und dann ein neues museum darum herum zu bauen. in der presse ist die rede von größenwahn und kostenexplosion und wie blöd man eigentlich sein kann. dir egal, fleckenteufel, angst haben darfst du nicht. die zeichen, die spuren sprechen deutlich aus, was sache ist: an die wand damit und fertig. der rest – nicht deine sache.

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041 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 041Man hat mich in Stein gemeißelt, dann in Bronze gegossen.
Man hielt eine Rede über mich, dann vergaß man mich.

Sie wollten mich für immer für sich, nur für sich.
Sie haben gesagt,  ein Mahnmal ist das, ja ein Denkmal für die Gemeinde.

Jetzt versuche ich mich zu erinnern. Wie haute man mich in Stein, welche Werkzeuge hat man verwendet, wo sind die Kanten abgebrochen, wer hat mich in Bronze gegossen, wer hat die Bronze bezahlt, gab es Verletzungen, werde ich stehen, immer stehen, auf dem Stein, auf dem Boden. Was ist Bronze – was für eine Legierung ist für mich gemacht worden – ist es nur Rotguss?

Man schaut schon auf mich.
Sie wollen nicht gestört werden.

Jetzt fotografiere ich mich. Die Sonne steht hoch. Mir ist kalt, mit bloßen Füßen. Gleich renne ich weg – noch einen Moment …

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