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046 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

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„Junge, halt die Klappe und schäl‘ die Kartoffeln fertig“
Meine Großmutter gab mir ein Messer, kein Schälmesser, sondern das Buttermesser und ließ mich einmal die Woche drei Kilogramm Kartoffeln schälen.
„Vergiss die Augen nicht rauszuschneiden, Junge!“
Ihre Augen waren fast blind, deshalb musste ich ihr jahrelang die Kartoffeln schälen.
„Für die Kartoffelsuppe, Bratkartoffeln mit Gehacktem – das reicht mir für die Woche.“
Sie lud mich nie zum Essen ein, sie gab mir nie Taschengeld, sie zupfte nur an ihren Barthaaren am Kinn wenn ich kam und schwieg wenn ich etwas über meinen Großvater erfahren wollte.
Ich durfte „Das neue Blatt“ lesen und bekam Birnensaft, der mir nicht schmeckte. Die Augen schnitt ich nie aus den Kartoffeln heraus. Bei der Beerdigung warf ich eine Kartoffelschale auf ihr Grab.

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045 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen-go2go-045bisschen käsig rochen sie, das schon, aber das hat mich nicht gestört. der sommer war heiss, da gibt’s sowas dazu. schließlich waren sie cool, meine neuen ecco-sandalen, cool! – so wie ich. ich hatte beschlossen, zu fuß zu laufen, die ganze strecke von Hannover bis zum Bodensee. das war ganz schön mutig, finde ich, und ich ging tapfer los. doch leider war nach 33,5 kilometern der erste spaß vorbei. das schleppte sich nur so, die füße taten weh und zu guter letzt kriegte ich auch noch einen sonnenstich. der weg flimmerte vor meinen augen, von weitem konnte ich eine mauer sehen, ging darauf zu – und dann war’s schwarz. nur noch schwarz. als ich die augen wieder aufmachte, lag ich in einem kühlen zimmer in einem schmalen bett zwischen knisternden laken. gestärkt. Hoffmann’s wäschestärke war’s glaub ich. bei jeder bewegung – knister, knister. das machte mich so nervös, dass ich aus dem bett springen wollte, aber mir war total schwindlig, so dass ich meinen kopf schnell wieder in die kissen presste. die tür öffnete sich – das gibt’s nicht – dachte ich – eine nonne guckte herein und brachte mir ein großes glas wasser, das ich auf einen zug leerte. sie setzte sich auf die bettkante und fragte, was ich denn eigentlich vorhätte. klar, dass ich ihr alles erzählte, alles, und auch alles darüber, was ich auf früheren wanderungen schon erlebt hatte. sie knetete die ganze zeit an ihrem kleid herum oder gewand oder wie man das nennt. knetete und drehte den stoff zusammen und dann wieder zurück, sie machte mich grässlich nervös. schließlich begann sie auch noch, mit ihren komischen holzschuhen zu trampeln, immer so schön auf’n holzboden. hmhm, hmhm, hmhm sagte sie immer wieder zwischendurch. dann strich sie mir übers haar und sagte, jetzt solle ich mich erst mal richtig ausruhen. sie brachte ein käsebrot und einen kräutertee, der merkwürdig roch – für einen ruhigen schlaf, wisperte sie. dann am nächsten morgen stand ich auf, suchte meine ecco-sandalen, suchte meinen rucksack – WEG! alles weg! nur die komischen holzschuhe von der nonne standen vor meinem bett. barfuß lief ich aus dem zimmer, in die halle, wo viele nonnen beim kartoffelschälen saßen. sie schauten auf, hoben die zeigefinger an die münder und machten alle gleichzeitig: PSSST! aber wo sind meine sachen??? brüllte ich in den saal. vermisst! vermisst! flüsterten sie, vermisst wie schwester benedikta. sie ist fort! und wir wissen nicht, wohin. nun setz dich her, du kannst so lange ihren kartoffelschäldienst übernehmen. und schon drückten sie mir ein messer in die hand. und so sitz ich hier schon seit wochen. und schwester benedikta ist immer noch abgängig.

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045 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

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Will nicht untergehen – auch nicht in den Himmel kommen – nicht ins Wasser gehen, noch kriechen in den Schlamm – keine weiße Wolken sind für mich geschaffen, die grauen will ich auch nicht.

Ich warte auf Regen oder auf einen Karpfen. Schnee, Hagel, Gewitter. Wo bleibt das Erdbeben. Wo ist der Hai, das Nilfpferd, die Gefräßigen?

Werde ich bald gesattelt, wer reitet durch Nacht und Wind. Alles ist so still, so furchtbar laut.

Wer hat mich gespannt, wo fange ich an, wo ende ich? Wie dick ist das Seil, hält es es aus? Wer knüpfte den Knoten, warum nicht die Luft aufknöpfen, erhängen, strangulieren … kämpfen!

Na, kommt schon, ich fang Euch alle – kommt doch endlich!

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044 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen-go2go-044ich hätte gern eine heiße schokolade. – mit sahne? – ja bitte, sagte sie und ging mit leichten schritten zur tür hinaus. auf dem tisch mit den braunen klebrigen ringen zwischen zucker-, salz- und pfefferstreuern stand ihre handtasche. der kellner brachte die tasse und stellte sie dazu. zwischen den tischen tauchte ein kleiner junge auf, mit wackelndem ruckendem gang, so als habe er gerade erst laufen gelernt. die späten sonnenstrahlen ließen sein haar aufleuchten wie eine gloriole. der kellner trat an den tisch und trank einen schluck von der schokolade. der kleine junge wackelte zum fenster, deutete hinaus und rief „da! da! da!“. die leute standen auf und schauten hinaus. es war sehr still geworden. der kellner trank die schokolade aus, dann ging auch er zum fenster. weit draußen zwischen den spiegelnden pfützen, fast schon im meer, legte die frau ihre kleider ab. sie schlug die himmelblaue bettdecke zurück, legte sich in das große braune bett aus holz und deckte sich zu. das möchte ich auch mal, dachte der kellner, so ein bett am meer. er räumte die tasse weg, band sich die schürze ab und ging, immer den pfützen nach, am ohr eine singende muschel.

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044 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

 

Sylvia-go2go-044 Als Räuberhauptmann zögere ich keinen Moment. Ich springe in den reißenden Fluß. Die Krokodile müssen Angst haben, ich wetze meine Zähne. Am anderen Ufer erwartet mich dichtes Gestrüpp, das nach wenigen Metern in den dunklen Eichenwald mündet. Noch wenige Meter …

Ich bleibe stehen, ich zittere. Meine Verfolger sind dicht hinter mir. Ich springe. Es ist doch nur ein alter Bombentrichter, indem sich Wasser gesammelt hat. Meine Schuhe werden naß, die Socken, die Hose – ich versinke. Nein, ich falle mit der Nase nach Vorne in den Matsch. Die Birken lachen. Ich höre meine Verfolger, sie wispern. Ich rapple mich auf, weiter …

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