logoGo2Go


051 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia-051.jpgSein Akkordeon hängt wie ein gekentertes Boot über der Welle seines Bauchs. Er schaut sich das Schild an. Seine Finger suchen die Akkorde „La Paloma ade“. Sein Bauch wackelt. Er muss husten. Seine Finger wischen über die kahle Stirn. „Auf Mahadonnen“, singt er „ohe oweh“ und lacht. Er zieht sein Handy aus der Jeans und fotografiert sich vor dem Schild. Er ist nicht zufrieden, fotografiert sich noch einmal. Singt „Mein Freund Tommy war ein doofer Kerl“ und lacht. Ein Paar drückt sich an ihm vorbei, „Tiger, grüss mir die Tonne“ singt er dem Paar hinterher, die sich im Grün der Parkanlage verlieren. Seine Finger hacken auf das Akkordeon ein und er lacht.

Print Friendly, PDF & Email

050 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 050hinter mir tut sich was. ich gebe vor, nichts zu bemerken. es ist aber so – sie nervt! die ganze zeit kramt sie in ihren kisten, stellt immer neue weisse porzellanteile auf die samtdecke. es klickt und klirrt und dauernd schnieft sie, als gäbe es keine taschentücher. jetzt lacht sie auch noch, entsetzlich, dieses hohle geschepper, wie aus einem ascheneimer. nur gut, dass ich zu tun habe. was hat der typ grad gefragt? wo ich diese briefe her hab, will er wissen. geht den gar nichts an. nein, bitte nicht – jetzt kommt diese guste aus ihrem porzellanparadies rübergestampft. zeig mal, was haste für briefe? der kunde dreht ab, die ist ihm wohl auch zu heavy. zeig mal her, ihre pinklackierten krallen blättern die umschläge durch, och nein wie süß, guck mal, sagt sie, liebesmarken. dabei bröselt dieses silberne glitzerzeug wie blöd von den bildchen und ich reiss sie ihr aus der hand. lass das, sage ich, oder gib kohle. sie schnieft, wischt sich die hände an ihrem röckchen ab und zeigt mir den mittelfinger. hau ab, sage ich und lese auf der rückseite des briefumschlags: die herzchen bitte glatt streichen.

Print Friendly, PDF & Email

050 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 050Ich bin ein Pudel – mein Problem: ich haare nicht, meine Haare werden immer länger und mein Frauchen will mich immer scheren, ja scheren, wie ein Schaf. Sie hat es schon einmal selbst versucht … Löcher wie in stinkenden Socken. Dann ist sie mit mir zu diesem Hundesalon gegangen. Die haben mich gewaschen, wie ein Auto in der Waschanlage, dann geschoren. Fußbälle an den Beinen, am Schwanz ein Staubwedel und sonst … nackt. Wie habe ich mich geschämt. Zum Glück war dann bald Winter und ich hab beim Gassi gehen eine Decke über meinen bibbernden Körper bekommen.

So vergeht die Zeit: Mein Großvater hat noch große Ratten gejagt, mein Vater nur noch Flugenten apportiert, ich steh vor dem Napf und schau doof aus der Wäsche. Wuff, es gibt Tage, da wäre ich doch lieber eine Katze.

Print Friendly, PDF & Email

049 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 049
„komm“, sagte sie, nahm meine hand und führte mich in den hof. es knackte und knirschte unter unseren füßen. es war gefährlich, ich wusste das, denn wenn man uns erwischte, gab es stubenarrest, und nicht zu knapp. aber ich konnte nichts dagegen tun, immer wieder machte ich mit. wir schlichen hinter die kopfstehende wassertonne. erika zog ein glas himbeermarmelade aus ihrer manteltasche. mein magen machte radau, es kullerte und kollerte und in meinem mund sammelte sich das wasser. sie tunkte den esslöffel in das glas und gleich darauf schmeckte ich den sommer, aber nur kurz. auch sie aß einen großen löffel voll, dann hielten wir den atem an, als sie den löffel in den schnee senkte. die eisige kruste krachte, darunter hing eine weichere kühle schicht. vorsichtig hob sie beides in das glas und dann gabs himbeereis mitten im winter.

Print Friendly, PDF & Email

049 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 049

Ich mach‘ die Augen zu und das Weltkarussell dreht sich. Ich mach die Augen auf und der Himmel blitzt. Das sind die gut gelaunten Engel, die immer wieder das Licht an und ausschalten.
Ich mach‘ die Augen zu und ich seh‘ Raumschiffe, die sich bekriegen. Ich mach‘ die Augen auf und die Engel haben gelbe Mützen auf, schlecken Vanilleeis und spucken weißes Licht auf die grauen Häuser. Ein Engel zwinkert mir zu und fordert mich auf mitzusingen „Engel bellen — Wellen dellen — dadidu …“
Ich mach‘ die Augen zu und ganz schnell wieder auf und kotze auf den Bürgersteig.

Print Friendly, PDF & Email
« vorherige Seitenächste Seite »

Seiten: Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 ... 22 23 24 Vor