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006 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 006

Er trat aus dem verrauchten, piependen, dudelnden Laden hinaus auf die Straße. Die Sonne tat ihm in den Augen weh. Seine Sonnenbrille hatte er unterwegs verloren, wahrscheinlich in dieser Eckkneipe mit der älteren vollbusigen Wirtin hinterm Tresen, der der Sprit schon in den Augen stand. “Nu trink mal, Junge“, hatte sie bei jedem Sauren gelallt, den sie ihm einplörrte. Ex und hopp! Ihm war alles Wurscht gewesen, meine Güte, so egal das alles. „Hab doch kein Geld mehr“ hatte er gemurmelt. Die Wirtin hatte abgewinkt, egal, egal, trink man. Hatte wohl Gesellschaft gesucht zum Saufen. Sie hatte Geld in die alte Musicbox geschmissen und ihn zum Tanzen genötigt. Meine Güte, die hatte einen Drall drauf, trotz ihres Suffs. Irgendwann war sie auf die Toilette verschwunden. Und er hatte die Gelegenheit zu einem Griff in die Kasse genutzt. Und war verduftet, war durch die diesigen nebligen Straßen geschlurft, in der Nase den Braunkohlegeruch, der hier an allem zu kleben schien. Vor einer Haustür mit der Nr. 3 hatte er kotzen müssen. Bei der Zahl 3 war es ihm schon öfter hochgekommen. Keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Er wischte sich Mund und Nase mit dem Ärmel und ging weiter. An der nächsten Ecke blieb er stehen. SPIELSALON las er über einer Tür. Er trat ein und fühlte einen ganz anderen Rausch als den, den er sich gerade aus dem Leib gereihert hatte. Er wühlte in seinen Hosentaschen nach dem Geld und legte los. Die anderen beachteten ihn nicht. Sie hatten genug zu tun mit ihren eigenen Sachen. Münze um Münze wanderte in die gierigen Schlitze. Er konnte es nicht fassen. Er hatte eine Serie, wie er sie noch nie erlebt hatte. Die Automaten spuckten und spuckten, er konnte das Geld kaum noch in seinen Taschen verstauen. Der Wirt öffnete die Tür zum Hinterzimmer. Da saßen ein paar Zocker beisammen, die Scheine wanderten nur so hin und her, blieben auch mal liegen, stauten sich, türmten sich zu ansehnlichen Haufen. Er schluckte, setzte sich und stieg ein. Es war unglaublich! Seine Strähne hielt an. Die Töpfe wurden größer und größer, die Einsätze riskanter – am Ende hatte er sie alle ausgenommen wie die Weihnachts-gänse. „Also was ist jetzt?“ brüllte er sie an. „Hey, ihr habt Schulden ohne Ende! Wie komm ich an mein Geld?“ Die Jungs erhoben sich müde, winkten ihm, ihnen zu folgen. Sie traten aus der Tür und gingen los.
„Hey“, rief er, „was soll das? Ihr könnt nicht einfach so abhauen! Spielschulden sind Ehrenschulden!“ Sie winkten ab und schlurften weiter, blieben stehen und der größte und mieseste der Typen zeigte müde auf die Autos, die vor einem Haus mit verrammelten Fenstern parkten. „Da. Nimmse Dir. Mehr ist bei uns nicht zu holen.“ Oh nein. Er hielt sich die Hand vor den Mund, bog und krümmte sich, wedelte mit dem anderen Arm die Jungs beiseite und rannte, so schnell er konnte. Die drei Zocker starrten ihm nach, Hände in den Hosentaschen, kopfschüttelnd, wirklich konsterniert. So standen sie da ein Weilchen, dann sagte der Längste: „Na lass ma. Ick jloobe so’n Wessi is’ den Kerls doch sowieso nich jewachsn.“ Und sie stiegen ein und fuhren los, froh, ihre Spielschulden auf so `ne lockere Art los zu sein.

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006 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 006Jetzt mach ich einen Kopfsprung. Auch wenn alle Enten doof gucken. Ich werde Schwung nehmen und ins Wasser springen, eiskalt. Früher hatte ich angst vor Kopfsprüngen. Als Kind sprang ich vom Dreimeterbrett ohne Kopfsprung, ich sprang einfach so in das Wasser. Natürlich konnten die meisten einen Kopfsprung – ich nicht. Aber das ist jetzt egal, vergessen. Heute werde ich einen Kopfsprung machen. Mein Element ist das Wasser. Ich tauche ein, ich spüre wie das Wasser meine Haut berührt, durchdringt, wie ich schwebe, mit einigen festen Zügen immer weiter und weiter schwimme. Ich werde Land sehen, nicht nur Eis und Schnee. Ich werde die Sonne sehen wenn ich auftauche, werde die Menschen fröhlich ansehen und ihnen Wasser auf die Füße spritzen. Dann werde ich aus dem Wasser steigen und wieder, ja wieder einen Kopfsprung machen. Und ich fühle wie das Wasser hart ist und dann weich, ich fühle wie das Wasser kalt ist und dann warm. Ich fühle wie ich vorwärts komme, mit jedem Zug. Ich tauche unter, ich tauche auf. Ich atme ein, ich atme aus. Ich tauche in das Wasser und atme aus, ich tauche auf und atme ein. Auf dem Grund des Bodens sehe ich die Fische, wie sie glänzen und Enten und Schwäne deren kleine Füße paddeln und doch schneller sind als ich. Ich gehe aus dem Wasser. Ich mache mich bereit. Ein Kopfsprung ist so einfach.

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005 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 005sie sieht ihren vater vor sich hergehen, schwarzer ruckelnder schatten im weissblau des morgens. die schlittenschnur um die hand geschlungen, die schultern gebeugt, den kopf mit dem grauen hut gesenkt. schritt. schritt. schritt. der frost beisst das kind. das weint, das schreit, der vater gibt vor, nichts zu hören. die tränen frieren auf der haut des kindes. das kind schließt die augen und weint leiser, die hände fest an das schlittenholz geklammert. der vater geht schneller. der schlitten springt über die buckel, hüpft, bockt, wirft das kind auf’s eis. es ruft, es schreit, der vater rennt, großer schatten, kleiner schatten, schlingernder schlitten, verschwunden. das kind schreit minutenlang. an der wegkrümmung bewegt sich ein kleiner schwarzer punkt. langsam auf das kind zu. kleiner schatten großer schatten. großer schatten, schreiender mund. WIRST du jetzt ENDLICH STILL sein? das kind steht am gitter. es streckt die zunge raus und legt sie an die eisenstäbe.

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005 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 005Das ist mein Stuhl, das ist mein Ball. Das ist meine Sonne, die auf den Teppich scheint. Und den Schatten, den hab‘ ich gefangen – für dich. Aber du wolltest ihn nicht. Den Schatten hab ich dir sogar aufgemalt.
Ich mag Blau und ich mag Orange. Ich mag es zu zeichnen. Und ich mag die Sonne. Ich hab gespielt mit dem Ball, mit den anderen Kindern und ich hab mich gefreut wie sanft er meine Wange streichelt. Auch die Sonne war warm als ich stehen blieb, kurz stehen blieb. Dann hat mir ein anderes Kind den Ball weggenommen und ich lief ihm hinterher und wir kreischten und der Stuhl fiel hin und ich fiel auch hin.
Aufräumen sollen wir alles. Aber wir finden es schön, so wie es ist. Die Sonne scheint auf meine Schattenzeichnung und die Sonne macht einen Schatten mit dem Stuhl. Und der Ball ist so schön orange und die Sonne so schön gelb und der Stuhl so schön blau. Wir finden es schön so schön und lachen und lachen …

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