029 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)
die nacht war.
voll von würstchen, von gelächter, rauch und bierdunst.
die lüttjen lagen flossen über nasen, verfehlten um tropfenbreite
aufgesperrte münder, versickerten in hemdkragen. thomas fragte: eh wollt ihr jetzt
noch weiter dieses latingesäusel hör’n oder soll ich mal’n richtiges brett auftun? seine frau stöhnte, er stellte sich vor die jukebox und drückte deep purple, dann slade, dann…
staub tanzte.
der einsame trompeter von nebenan stellte seine übungen ein. und wir schüttelten, was von unseren mähnen noch übrig war, einen haarkranz, ein popeyehaar, ein paar laue schnittlauchsträhnen.
wir rannten aus der kneipe und schaukelten zu den kiesteichen, ein feuerchen begann zu prasseln.
wir sangen die songs. es war fast wie damals. nur dass wir dieses mal nicht werners rostige unterhosen am fahnenmast hochzogen. er war nicht mehr. hermann wischte sich die augen und begann mit “blowing in the wind”.
029 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)
Sie erzählt mir alles. Und wie sie da erzählt, im Liegestuhl, die Sonne auf ihrer nackten Schulter, erinnere ich mich an Stunden mit ihr im Schnee. Augengroße Flocken klammerten sich damals an ihre Pudelmütze, sie hatte nur geschwiegen, den ganzen Weg. Obwohl es ihr Geburtstag war. Obwohl wir im Kino waren und die einzigen Gäste. Wir liefen nach Hause, die Laternen warfen glitzerndes Licht auf die Schneeflocken, so wie jetzt die Sonne auf den See und auf ihre Schulter. Ich weiß nicht, was sie mir erzählt hat, mir ist es zu heiß geworden. Ich stehe auf, die Sonne sticht in meine Augen, ich höre noch ihr Schweigen. Ich steige auf das Fahrrad und werde nach Hause fahren. Warmer Wind, eine Schneeflocke im Augenwinkel.
028 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)
dann bin ich schnell wieder runtergesprungen.
es fühlte sich komisch an, darauf zu sitzen. ein zischeln und grummeln und vibrieren. als wenn man auf einem gigantischen haufen brausepulver säße, in den grad einer reingespuckt hat.
ich guck den teppich an. er sieht harmlos aus… aber hat sich nicht gerade die eine ecke ein bisschen angehoben? so als wollte mir der teppich zuwinken.
ein klein wenig näher kann ich vielleicht noch gehen. Das kann ja nicht gefährlich sein, so’n kleines ding. so’n weiches kleines zartes ding. das gras ist weich. das gras ist saftig und kühl. sehr grün. eine ameise klettert am grashalm hoch. der grashalm schwingt im wind, die ameise wird hin- und hergeschaukelt. dann fliegt sie davon. ich gucke dem kleinen schwarzen teil hinterher. ein pünktchen. kein anton. wie albern bin ich heute. mein großer zeh berührt den rand des teppichs. tut nicht weh mein hammerzeh. heut tut er gar nicht weh. mein bein liegt auf dem teppich, komisch, wie ist es da hingekommen? Ich spür es wieder brausen und kribbeln. mein rücken liegt auf dem teppich und jetzt mein bauch. so rum ist es vielleicht nicht so unangenehm.
der staub kitzelt in meiner nase. ein großer nieser springt heraus. mitten auf die wiese raus. als er verhallt ist, höre ich ein grässliches geräusch. das wird doch nicht der mann sein? ööööööHööööööääääääöööööööäää. doch. er ist es. er hat einen rucksack auf dem rücken und so dicke dinger auf den ohren. in der hand hat er ein rohr. damit bläst er in die wiese. öööööööHööööööääääööööäääääääää. blätter fliegen hoch, der mann jagt sie. ich springe auf. ich rufe den mann, er hört mich nicht. ich winke und schwenke die arme. jetzt sieht er mich. er kommt auf mich zu. er tritt auf den teppich. ich lasse mich runterrollen und schreie: jetzt! der teppich macht bbbbsssssss und brooooaaaaaooommm und die ecken klappen um und schon fliegt er. der mann mit dem komischen lärmgerät fliegt in den himmel. er ruft und schreit von da oben runter, aber der teppich fliegt weiter. der mann hält das rohr in die wolken. Er treibt sie zusammen öööööööööHööööööööääääääääööööäääää. eine riesige herde schäfchenwolken treibt er vor sich her. Die schäfchen rennen über den himmel: määähhhhäääää! bööööööö! das städtische grünflächenamt vermisst seit heute einen blättertreiber. die blätter bleiben liegen und die kinder schlurfen mit den füßen durch die hohen haufen. ihr lachen und schlurren und das rauschen der blätter — es ist wie musik. Auf dem flohmarkt besorge ich mir einen neuen teppich. es wird ein paar tage dauern, ihn abzurichten. aber dann!
028 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)
Nicht weiter! Das Schild Rot wie Blut mit Augenweiß. Die Kette hängt zwischen zwei Worten: nicht weiter.
Aber dort, im Spiegel des Wasser die Bäume, kahl wie ungeschriebene Bücher. Das Licht dazwischen aber könnten die fehlenden Worte sein. Die Zweige, die in den Himmel wachsen, könnten die Sätze sein.
Ich stehe also vor dem nicht weiter und schaue.
Ich schaue auf das Gras, gleich nach dem nicht weiter. Dort ausruhen, dann weiter. Dann die Bäume anschauen, ihre Borke befühlen, die Größe der Bäume bestaunen. Dann auf einen Baum klettern, bis nach oben und dort die Sonne anschauen.
Nicht weiter.

