Werbung:

logoGo2Go


025 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 025

in der waschküche schüttet die mutter knochen ins wasser, sehr weiss, weisser als der frische schnee, der gestern vor der hoftür lag. sie schüttet sie aus der blauen packung, die neben dem holzbottich steht.
das sind keine knochen, kind, sagt die mutter. doch, es sind knochen, knochen, die sind dem schwein aus dem maul gefallen, als es schrie. ganz rot war das maul und die knochen kamen weiss da raus und ich habe sie aufgehoben und in die schachtel getan. und in der nacht ist das schwein gekommen und hat wieder geschrien und hat mich angefasst mit seiner nase. die knochen wollte es wieder haben und die haut und die pfoten und die ganzen würste, und ich habe geweint. ach kind, sagt die mutter, was redest du wieder.

025 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 025
Seit zehn Stunden fahre ich immer die gleiche Route. Nein, ich kenne diese Stadt nicht. Ich bin einfach am Bahnhof ausgestiegen und in den nächsten Bus gestiegen. Bus 224. Die Fahrkarte hat einen Tag Gültigkeit, ich kann also einen Tag fahren, wohin ich will. Ich will jetzt immer die gleiche Strecke weiter gefahren. Noch sieben Stunden kann ich fahren. Nach den ersten fünf Stunden kam der Busfahrer zu mir und fragte wirsch, ob ich eine Fahrkarte habe. Nach weiteren drei Stunden kam zum zweiten Mal die gleiche Kontrolleurin und schüttelte den Kopf als sie mich wieder sah. Die Bäume schütteln auch den Kopf, aber das hat wirklich nichts zu sagen. Manchmal begegnet uns der Bus in die Gegenrichtung — immer sind es andere Menschen, die darin sitzen. Aber immer sitze ich im gleichen Bus. Je dunkler es wird, um so besser kann ich mich im Glas spiegeln. Die Mitfahrer bemerken mich nicht, wundern sich nicht, sie sehen mich einmal und nie wieder. Was ich mache, wenn die Fahrkarte abgelaufen ist? Ich fahre mit dem nächsten Zug zurück.

024 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 024

ein spreissel sagt die mutter sie sticht die nadel unter die haut mit geschlossenen augen den schmerz aushalten das prokeln im fleisch ach du siehst den den splitter im auge deines bruders aber nicht den balken in deinem nicht das brett vor deinem deinem kopf deinem vernagelten kopf sagt der australische onkel in seine wörterbücher hinein dein vernagelter kopf darin die gedanken hängen ungelüftet wie alte spinnweben in der scheune wo ich geboren bin wo die kühe kalbten und der knecht das stroh hintrug für deinen kopf deinen vernagelten sagte der onkel und strich wörter an wörter wie sender funkfrequenz elektrische ladung er er hatte den kopf vernagelt verbrettert nicht ich er hatte gedanken wie besessen besetzt gesteuert von außerirdischen kräften noch heute zu sehen die rot gestrichenen worte im dictionary dactionary zerfleddert aber gut zu lesen so nun ist der spreissel raus sagt die mutter.

024 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 024Eine leichte, fast sommerliche Meeresbrise verfing sich in ihrem Unterrock. Frau Hannibal trug einen matschigen Unterrock, der im übrigen schlecht roch. Der Morgenwind hatte sich darin fangen lassen -unvorsichtiger Weise; blähte verzweifelt, suchte vergeblich nach einem Ausgang aus dem groben Stoff, in den freien Himmel.
Es war Ende Februar, bitterkalt, trotz wolkenlosem Himmel und Zitroneneissonne. Frau Hannibal, geborene Elender, lag am Strand, so als ob sie sich sonnen wollte. Ihr langgestreckter Körper war von der Düne aus als angeschwemmte Plastikplane, weiß, mit grünen und roten Streifen zu verwechseln. Daß Frau Hannibal vor zwei Tagen neunundvierzig Jahre alt geworden war, kümmerte niemanden, tat ihrem Tod keinen Abbruch.

Kein Mensch auf der Insel, niemand, der eintausendfünfhundertundein Inselbewohner, plus ein-oder zwei dutzend Touristen, dachten im entferntesten an ein Verbrechen.
(mehr…)