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023 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 023nachts manchmal. du kennst das? das gefühl, zu stürzen, in eine tiefe hinein? weisst du auch, was sie für dich bereit hält? die augen geschlossen, der atem, der schwer und warm ein zelt baut über deinem gesicht, eine narkoseglocke, die dich in den schlaf hinein geleitet. nein. nur fast hinein. denn kaum betrittst du den dunklen gang ganz sacht und fühlst dich wie in samt gehüllt, schiesst dir das blut zu kopf, alles wird hell und gleich wieder dunkel und du fällst, fällst und weisst nicht, ob in irgend-jemandes arme hinein oder ins meer oder in einen hoch aufragenden toten splittrigen wald, borkenrauh und starr und mitleidslos.

023 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 023

Unten oder oben stehen?
Wo wollten wir uns noch einmal treffen?
An der Treppe!
Oben oder unten?
Ich verstecke das Messer, unten an der Treppe im Gras.
Ich verstecke die Pistole, oben zwischen Löwenzahn und Gras.
Die Sonne ist bissig.
Die Mücken ohrenbetäubend.
Der Wind ist still.
Mit dem Fernglas suche ich die Straße ab, den Weg, die Gebäude, sogar den Himmel.
Lieder einer Amsel.
Plötzlich Blut – nur ein Nagel, an dem ich mit dem nackten Arm scharrte. Immer noch nichts. Mir wäre ein fairer Kampf lieber. Aber er wollte es nicht anders. Er fragte mich “Was soll ich sagen: Ja oder nein?” Ich würde es ihm heute beantworten. Ich schlucke den Speichel herunter – dort am Weg, ich sehe ihn, er kommt näher … und näher!