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020 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

so tun als ob. sich auf eines dieser halbrunden segmente stellen, die beruhigende härte des geländers am bauch spüren und beginnen. vielleicht zuerst ein halblautes kurzes “ah!” probieren, dem klang nachhorchen, ob er Juergen 020echos hervorlockt, ob er blicke hervorlockt . also nicht. jetzt ein lautes langes “aaaaah”.
hinter der scheibe im flur zu meinem büro meine ich eine flüchtige weisse bewegung zu bemerken. sehr flüchtig. nichts mehr. nichts.
ich sollte jetzt ernsthaft beginnen. ich ziehe eine streichholzschachtel aus der jackentasche, muss sie erst von einem faden befreien, der sie darin festhalten will. so. ich nehme eine nadel heraus und lasse sie über das geländer fallen. ich lausche. nein. so still ist es also doch nicht hier. ich habe es mir nicht nur eingebildet.
seit wochen ist dieses gebäude leer. menschenleer. nur ich bin übrig geblieben. ich soll es bewachen. ich soll dieses schöne verlassene skelett bewachen, damit sich die knochenjäger nicht darüber hermachen. aber seit tagen schon ist mir, als gäbe es hier ein untergründiges rascheln, rauschen, raunen, irgendetwas, das hier nicht sein sollte.
ich blicke über das geländer. ja sicher. das ist es. ich sehe die kleinen inseln aus — ja woraus — irgendetwas wie kleine schmutziggelbe kurze pinselstriche auf dem grauen marmor — so etwas wie heu? stroh?
und mir wird klar: es hat wieder begonnen. sie sind wieder dabei, ihren ganzen mist hier abzuladen. wenn ich nicht aufpasse, wird das wieder die wände hochwachsen und zum himmel stinken. ich stecke meine streichholzschachtel ein und laufe die treppe hinauf, gehe in mein büro und nehme den hörer ab. wähle seine nummer. augias? “der teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar.” natürlich. ich habe es ja gewusst. aber ich kenne sonst niemanden, der dem hier gewachsen wäre.

020 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 020

Das Maul ist weit aufgerissen, Blut tropft, die Augen zerren an mir, Licht wirbelt.
Ich nehme noch einen Schluck aus der Flasche, schließe die Augen, höre den Bass, das Wummen, Vibrieren, die haltlose Musik.
Dampfend und keuchend streckt es seine Zunge aus, die leckend und triefend nach mir sucht.
Ich bleibe in Bewegung, bleibe in der Melodie des Klaviers, des wohligen Saxophons, höre wie es mit mir spricht.
Es kichert, es rülpst, die Augen starrgelb, jetzt lacht es, lacht und zieht den Rauch tief ein.
Die Menschen verschwinden im Rauch, lösen sich auf bis nur noch Bewegung bleibt.
Ich tanze und tanze und …

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019 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 019es ist alles bereit. nur noch eine frage von minuten. herkules steht am fluss und gräbt. bald wird der fluss sich aus seinem bett wälzen und einen anderen lauf nehmen. herkules tut den letzten spatenstich und rennt zum baum auf dem kleinen hügel, hangelt sich hoch. es fällt ihm nicht leicht, er trägt schwer an seiner aufgabe. wird alles klappen? ja! was für ein rieseln und gluckern und schmettern und rauschen! von oben schaut er zu, wie das wasser den weiten platz überschwemmt, die steinsarkophage erfasst und sie in die gläserne fassade von augias hochhaus schleudert. ha! welch eine freude dieses ausmisten macht, der ganze haufen dreck, seit jahren angesammelt und festgetreten — alles mit wasserkraft beseitigt, im handumdrehen! augias wird begeistert sein, so eine tolle idee hätte der nie gehabt! herkules schaukelt sich zufrieden in den zweigen des großen baumes, bis augias herbeieilt, wutentbrannt den baum fällt und herkules mit der mistforke bedroht. so hatte er sich das nicht vorgestellt. herkules ist eingeschnappt und beschließt, dieses grässliche land nie wieder zu betreten.

019 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 019

Bewegungslos stehe ich da.
Soll er doch kommen, soll er doch denken, ich wäre hilflos und würde immerzu nur in die Pfütze schauen.
Nein, ich werde ihn spüren, hören, sehen.

Noch zähle ich die Rippen der Scheune, schätze die Wassertropfen der Pfütze ab, überlege wie schwer die Steine in der Pfütze wohl sein werden.
Und er wird näher kommen, immer näher, wird sich anschleichen wollen, den Draht zur Schleife formen, ihn straff ziehen und immer näher kommen.

Doch ich kenne mich aus auf dem Asphalt, kenne den Teer, die Menschen, die darauf laufen wie Mistkäfer, wie Kakerlaken und flügellahme Tauben.

Jetzt, da, ich spüre einen Hauch in der Ferne, rieche seine dreckigen Gedanken. Ich spucke in die Pfütze und straffe meinen Körper. Gleich – gleich!

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