Werbung:

logoGo2Go


018 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Juergen 018sie trägt ihr geheimnis unter dem fedrigen blätterkragen. so steht sie da, jeden tag, mit hochgezogenen schultern, der hals völlig verschwunden unter all dem gefledder und geflatter. aber ich weiss, was es damit auf sich hat. niemand sonst hat eine ahnung. glaube ich. wäre es anders, hätte man sie schon davon befreit, um an ihren hals zu gelangen. ich würde es auch tun, aber sie haben mich weggesperrt. deshalb hat sie keine angst, jeden tag an den zaun zu kommen und mich anzustarren. wenn ich es einmal schaffe, noch einmal schaffe, ihr an den hals zu gehen — aber der zaun steht unter strom. einmal habe ich es versucht, aber das war ein fehler. sie hat schallend gelacht, als ich den schlag bekam. sie hat gelacht und ist gegangen. jetzt steht sie wieder da. und die federblätter zischeln und rauschen. ich hebe die hand, aber ich wage es nicht noch einmal.

018 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia 018“Fahren” heisst es. Nächtelang hab’ ich mir schon den Kopf zerbrochen, was ich dort lese, auf der anderen Seite, Licht, Blau, Vorhänge, Fenster und Buchstaben. Keine Buchstabensuppe, nein, denn dann könnte ich die Worte selber legen, in mich aufnehmen. Letzte Woche dachte ich noch, es muss “scharren” heissen. Aber hier scharrt nichts, Tiere scharren, eine Katze scharrt, aber die Menschen scharren nicht, genau, die “fahren”, von hier nach dort. Wie die Lichter, die Vorhänge, die hin- und her, rauf- und runter gemacht werden. Wie die Lichter, die schrill und hell, dunkel und finster sind. “Fahren”, wir fahren überall hin, jeden Morgen, Abend, am Wochenende, in der Freizeit, in der Arbeit, in Gedanken. Und die Lichter ringsum, die umkreisen die Buchstaben, die wollen vielleicht doch ein ganz anderes Wort formen. Ist es doch ein “Ausharren” oder sind es wir, die “Narren”?