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052 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia_052.JPG Riesenrad fahren ist göttlich. Dem Himmel so nah, näher als alle Vögel, Flugzeuge, Wolken – ja, dieses Gefühl habe ich dann. Die Kirmes öffnet um 11 Uhr, zehn Minuten vorher stelle ich mich an. Meine Beine zittern bereits in der U-Bahn. Ich steige ein, muss mich am Geländer festhalten. Dann setze ich mich, alleine, kann niemanden rings um mich ertragen. Einmal saßen quatschende Nonnen neben mir – ein anderes Mal ein küssendes Paar. Nein, alleine muss ich sein, mit Gott, dem Himmel, den Vögeln, den Flugzeugen und meiner Wut. Bevor ich zur Kirmes gehe, gehe ich zur Tierhandlung. Ich kaufe mir einen Wellensittich. Der Tierhändler verpackt mir den Wellensittich in ein kleines Paket mit Luftlöchern. Der Wellensittich ist still, vor angst, bis auf einen damals, der war laut, aber nicht lange. Ich sprech mit dem Vogel, erzähl ihm vom Himmel, manchmal pipst er dann, heute ist er still. Das Riesenrad bewegt sich engelsgleich nach oben. Dort, in der Gondel, oben im Riesenrad, öffne ich die Schachtel. Der Piepmatz drückt die Flügel eng an seinen dürren Körper. Ich fische den Wellensittich heraus und werfe ihn in die Luft. Wie ein Stein fliegt er. Aber heute öffnet er die Flügel und schreit aus vollem Hals. Göttlich!

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