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001 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (SMS)

„Bin ich jetzt noch richtig? – Mama hat gesagt, ich muss heute Morgen auf jeden Fall zum Geigenunterricht – und das vor der Schule. Dieser doofe Häkelschal von Oma kratzt, den leg ich jetzt mal in den Geigenkasten. – Ich soll nicht so faul sein – sie hätte so was früher so gerne – heul doch, hab ich gesagt zu ihr, dann hat sie die Tür hinter sich zugeschlagen. Ich und faul: Schule, Nachhilfe, Musik, Sport und all das andere uninteressante Zeug. Andrea hab ich schon lang nicht mehr gesehen. Immerhin die Chucks habe ich gestern kaufen dürfen – nimm doch die roten, die sind so hübsch hat Mama gesagt, aber die sind sowas von uncool, die grauen passen besser zu meinem Outfit. Schon Hauptbahnhof, wie viele Haltestellen noch? Keine Lust auf die Geige, Schumann – ich will Schlagzeug spielen, drauf hauen, laut sein, nicht diese Fiedeltöne. Ob Max heute Abend Zeit hat? Meine blonden Haare findet er toll und mit mir ins Open Air will er gehen … wie süß von ihm, mir das Herz zu schenken, weiss-rosa, fühlt sich an wie ein Handtuch – nur dieses grasgrüne Band hätte er sich schenken können – Mama hat gesagt ich soll es nicht an den Geigenkasten hängen und überhaupt Max sei zu alt für mich oder ich zu jung und überhaupt. Die soll sich mal nicht so anstellen, als ob sie alt geboren wurde – so wie Oma, die nie von früher erzählt. Ich steig aus: Geibelstraße, ich ruf Andrea an, ich will heute nicht mehr alleine sein.“

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Linie 8 Richtung Hauptbahnhof 7:40h. Ein blondes Mädchen, grauer Häkelschal, graue Jeans, schwarze Jacke, graue Chucks nimmt ihren Geigenkasten, an dem am grasgrünen Bändsel ein weiss-rosa Frotteeherz baumelt und steigt Geibelstraße aus.

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