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054 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Foto: Jürgen Gisselbrechtdas geräusch ertönte seit tagen. jeden morgen war es zu hören. jeden morgen schob sie die gardine zur seite und schaute hinunter. immer bot sich das gleiche bild. die leute kratzten den frischen schnee zur seite. darunter kam das steinerne rechenheftmuster hervor, sonst nichts. an einem sonntagmorgen, es war schon spät, wurde sie davon geweckt, dass die sonne ins zimmer schien und die narzissen in dem blauen topf hell aufleuchten liess. sie hielt sich die hände vor die augen. so hell, zu hell! – rief sie. sie zog sich an, setzte die dunkle brille auf und ging hinunter. da sah sie es: die bemühungen der leute hatten erfolg gehabt. sie hatten eine stelle freigeschabt, die den einblick in eine andere welt zuließ. alles dort schien auf dem kopf zu stehen. das haus mit dem roten dach, das bisher zu sehen war, liess diesen schluss zu. seltsam, dachte sie, es ist doch seltsam, dass noch niemand diese aufregende sache entdeckt hat. vielleicht weil heute sonntag ist? schnell lief sie die treppen hinauf und schickte der zeitung ein foto und eine mail. kommen sie schnell, schrieb sie. die leute werden kopf stehen, wenn sie das sehen! wer weiss, was noch alles erscheint, wenn das bild sich erweitert. zirkusartisten, die kopfüber an trapezen schaukeln. turmspringer, die plötzlich aus dem boden schnellen. von bauchklatschern gerötete bäuche, erdfontänen, aus baggerschaufeln heraufgeschüttet – ach, kommen sie selbst vorbei, machen sie sich ein bild! sie schickte alles ab, legte sich wieder hin und am nächsten morgen war die stelle mit rot-weissem flatterband gesichert. fotoreporter und kamerateams umringten die stelle. leitern führten hinab, um die forschungseliten auf den grund zu bringen. in der zeitung stand nichts. aber im fernsehen war deutlich die blasse gestalt mit der sonnenbrille zu sehen, die oben am fenster stand.

054 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

053 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Foto: Jürgen Gisselbrechtdas geld ist alle. der laden hat zu und die tauben geben nichts. sind selbst ganz verplustert von allem. kein körnchen fürs kröpfchen, geschweige fürs töpfchen. die aschenblödels sind ausgestorben. nur die stiefmutter lebt noch und frisst selbst die erbsen. selber schuld. wenn sie wüsste. sie sitzt da seit jahren und meint, alles währt ewig. denkste puppe, pustekuchen. nebenan haust der sushi-mann mit den schwanzlosen fischen, endlose klebreisumwicklungen und päckchen, die happs auf eins in die münder springen. erbsen. wie oldfashioned. da gehn die schotten runter, da ist der laden dicht. aber fingernägel. die gehen noch. aber gebense von den bunten, die sind fester. WIE viel für das kilo? na danke. kau ich lieber meine eigenen.

053 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Sylvia HagenbachWir müssen sparen. Quatsch. Meine Tochter wird heute ein Jahr alt. Auch falsch. Schon vor einhundertelf Jahren zündete meine Großmutter am 1.11. eine Kerze an um … das glaubt niemand. Die Glühbirnen sind defekt, bis auf die eine, ich habe kein Geld für … Obwohl Draußen Tag ist schalte ich für meine verstorbene Katze immer …
Wahr ist: ich stehe seit einer Stunde in diesem Zimmer, nur dieses Licht brennt, diese eine Lampen-Kerze. Nach der Führung im Schloß bin ich dem Führer einfach nicht gefolgt. Ich stehe seit einer geschlagenen Stunde im Zimmer, schaue auf die eine Lampen-Kerze und schaue wie der Tag durch das Fenster schaut und die Lampe in meinen Augen glitzert.

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