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058 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Foto: Jürgen Gisselbrechteinmal, dann immer wieder begegnet mir der engel mit der breiten brust. nur bei sonnenschein, sonst lässt er sich nicht blicken. ist er dennoch da, unsichtbar aber genau so aufmerksam? manchmal tanzt er vor mir her, manchmal schleicht er hinter mir und es scheint, als sei er nur für mich da. ein persönlicher engel, sei es zum schutz, sei es zur überwachung meiner nicht immer ordnungsmachtkompatiblen wege. muss ich mich hüten oder hütet er mich? womöglich ist er einer aus der neuartigen hauchzarten fußfesselgeneration, deren gewicht keine rolle spielt, zunächst. die später dann aber umso schwerer einen stein am strick an den hals hängen, unvorstellbar träge machen, dass du keinen fuß mehr vor den anderen setzen magst. und an deiner eigenen gefühlten trägheit zugrunde gehst? nein, das nicht, lauf schnell, dann wird er nicht hinterrücks seine machenschaften an dir ausprobieren können. denn immer wirst du einen schritt voraus sein, einen schritt vor dem grauen hauch, der, gefährlich oder nicht, an dir hängt. oder dahinter. nie sollst du ihn auf dir sitzen lassen. denn dann ist es aus mit den geheimen wegen.

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058 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Foto: Jürgen GisselbrechtAls Hermann Müller eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich auf einem Baum zu einer winzigen Ameise verwandelt. Erleichtert war Hermann, nicht als Milbe oder Amöbe aufgewacht zu sein. Mit seinen nun sechs Beinen im Leben verankert zu sein machte ihn froh. Senkrecht den Baum hinauf, tänzelnd den schmalen Zweig entlang und nach dem letzten Blatt geschnappt, das er munter den Baum hinunter, zu seinem Bau tragen wollte. Keine Alpträume mehr, nie mehr schlafen, nur noch glücklich sein.

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057 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

Foto: Jürgen Gisselbrecht
mir ist so kariert.
wenn wir nicht aufpassen, werden sie uns kriegen.
gitternetze unter neben unter zwischen uns.
es verschwinden farben, frische, wilde ranken.
heute kleide ich mich blau mit mustern.
ich bin müde, so müde. aber wenn ich nichts tue, verschwindet alles, genau wie die bienen.
und die ganze bunte welt.

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057 | Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Foto: Sylvia Hagenbach
Zusammen hörten wir orangene Musik und bassige Farben.
Immer, immer hast Du gefragt, was ich dafür tue. Für das, was noch kommt.
Jetzt tanzt Du im Glocksee und der Eselspinguin reitet im Schnee.
Sich trauen, mehr trauen, das muss man. Das hast Du gesagt.
Die Farbtöpfe hauen auf das Glas. Aus den Lautsprechern springen die Buchstaben.
Nur herein, herein!

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056 | Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)

diese windige zugige ecke, in der es stinkt. hier haben sie uns geparkt, wir sollen achtgeben. aber es passiert nichts. mir hängt schon das hirn in bunten windungen aus dem kopf. darauf sollte ich lieber achtgeben. wenn es sich vor lauter unbefriedigter neugier immer weiter rauskringelt, kann ja sonst was passieren! es würde sich überall hin schlängeln. Zuerst würde es uns einspinnen, roller, roller, hund. oder hund, roller, roller. nicht auszudenken. totale bewegungsstarre. noch schlimmer als jetzt. das ginge gar nicht. aber es wird wohl so kommen, wenn nicht bald was passiert.

jetzt kommt ein einkaufsnetz. ein großes einkaufsnetz, das fast über den boden schleift. es ist dunkelblau, darin viele orangen. eine hand hält das netz sehr fest. die hand selbst ist nicht zu sehen, kein stückchen haut. die hand ist eingepackt in einen handschuh. auch der handschuh ist blau, aber es ist ein weisser hirsch darauf. warum sind auf wintersachen immer hirsche oder rentiere? und nur so selten ein hund. oder niemals ein hund. das ist ungerecht. das menschenbein steckt in einer plumpen braunen hose, darunter kann man einen turnschuh sehen. das sieht wohl auf der anderen seite genauso aus. da guck ich gar nicht erst nach. ich glaube, die ersten schlingen sind schon an meinen beinen. jetzt kommen in großer eile die beiden anderen gerannt. ich erkenne sie an den schuhen. einmal adidas, einmal no-name. ich fliege durch die luft, der eine stopft mich in seine jackentasche. nur ein bisschen gehirnwindung guckt noch raus. das ist mir jetzt auch egal. da sollen jetzt die doch mal richtig aufpassen.

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