039 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)
ihre schritte hallen im tunnel und draußen regnet es
der wind bewegt die blätter der büsche und bäume und sie geht
TRINKHALLE
halbliterdosen bier werden geknackt und an die lippen gesetzt
der alte graue löwe wirft den kopf zurück, schüttelt die imaginäre mähne, zieht an seiner zigarette und hustet
FORMEL 1 IMBISS
spielautomaten dudeln. kunststofftische auf hohen beinen. soßenspritzer, pommesbrösel. ranziges frittenfett. zischen. brutzeln. schaschlik. currysoße. kartoffelsalat. bohnensalat. tomatensalat. nudelsalat.
barhocker. plastikbezüge. heimatmusik. NDR Radio Niedersachsen.
der Mann am fenster schlürft seinen kaffee und furzt.
sie sieht zu ihm hinüber, legt die pommes in das sieb, schüttelt es und senkt es in das siedende fett.
der spärlich beleuchtete gehweg zum hochhaus.
der eingeschaltete fernseher im müll unterm fenster.
ein leerer dunkler raum voll flüsternder, wispernder stimmen. Aus den ecken raunen, in der mitte schweres atmen wie von einem, der ein geheimnis nicht preisgeben will. allein mit den stimmen, allein in dem dunklen raum mit den stimmen, die …
du stiehlst dich davon, lauscherin, in den nächsten raum, zu den anderen stimmen, stimmen, die zu gesichtern gehören, gesichtern auf monitoren ringsum. das haar. die stirnen, die augen. augenbrauen. nasen. münder. die münder, geknebelt von weißen tüchern, die münder, sie bewegen sich, quetschen laute, vokalbrei; konsonanten verhaken sich, bleiben stecken, insektenbeine im mullfilter, zerkratzen verborgen die münder, die verstummen sollen, nicht sagen sollen. horch! aber du weißt die bedeutung, dreh dich um, geh.
als sie nach hause kommt, ist die wohnung dunkel. sie schließt die tür hinter sich. ein unnatürlicher hall, die zimmer sind leer, alle möbel verschwunden. auf dem boden das telefon schweigt abrupt, wie erschreckt, nach einmaligem läuten. hallo? sie schaut durch die vorhanglosen fenster zur straße. im schein der einzigen laterne bewegen sich gestalten, die im sperrmüll nach nützlichem suchen.
039 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)

Samstag, Schützenplatz, Schützenfest. Gehe mit Andrea hin. Ihr ist kalt, kein Wunder. Ich kaufe ihr einen Paradiesapfel, sie beißt einmal ab. Ich esse nur Currywurst. Andrea zeigt auf die Plüschtiere. Den Elefanten soll ich für sie schießen. Fünf Schüsse. Ich würde gerne Riesenrad fahren. Andrea sagt, dass sie schon als Kind Kinderkarussel gehasst hat. Ringe werfen, als Kind gewann ich einen Aschenbecher. Wir gehen weiter, Andrea friert. Wir trinken eine Cola. Dann zeigt Andrea auf das Kamelrennen. Wir waren einmal in Tunesien. Da fror Andrea nicht. Aber ich hatte mir den Arsch wund gescheuert. Neben mir steht ein Mann und lacht. Ich werfe die Kugel, das Kamel rast 10 Schritte voran. Neben mir steht Andrea, sie hat eine kalte Hand. Alle Kamele sind jetzt hinter mir. Andrea wirft die Kugel, wir lachen zusammen. Die anderen Kamele kommen immer näher. Aber wir hängen sie weiter alle ab. Ich nehme das Stoffkamel, Andrea drückt meine Hand, drückt das Kamel an ihre rote Wange, ihr ist nicht mehr kalt, sagt sie, gehen wir nach Hause. Nächstes Jahr vielleicht Ägypten?
038 — Sylvia Hagenbach (Text) | Jürgen Gisselbrecht (Foto)
Oh nein, nicht jetzt!
in dieses blaue möchte ich springen, hopps und mit hellen flügeln über den schiffen kreisen, die matrosen becircen mit meinen gesängen, dass sie die arbeit liegen lassen für eine weile und lauschen und dann einstimmen und ein chor erwächst in all dem blau, hinauf hinauf zu allen engeln schau wie sie herabschweben und schau wie ihre gewänder sich bauschen , nimm wahr den feinen hauch von zimt und sternen, den sie mit sich bringen. oh tiefes blau voller gesang und duft, die schiffe drehen sich eine weile wie karussells. dann endet das lied, die engel kehren zurück in die himmel und wringen die säume ihrer gewänder aus. ich schaue ihnen nach und etwas salzwasser rinnt über mein gesicht. die schiffe nehmen kurs auf, die matrosen summen noch ein wenig und ich weine. oh nein, nicht jetzt! denn da ist kein großes blau, alles was ist ist grau graugrau, totgrau, himmel, straßen, schneereste. schiffe, engel, matrosen sind nicht in sicht.
038 — Jürgen Gisselbrecht (Text) | Sylvia Hagenbach (Foto)
Sie hat mir die Nachricht geschrieben. “MORI5″.
Niemand weiss davon.
Alle laufen vorbei, vorüber, keines Blickes würdigend, in sich versunken, allein, zu zweit, plaudernd, mit sich redend, ohne Sorgen und mit viel Geld und mit ganz wenig Geld.
Ich weiss davon und noch jemand weiss davon. Da sind wir schon zu fünft.
Ja, MORgen wird es sein.
Dieser Rucksackfußgänger wird sich morgen wundern, wenn er dann noch lebt, wenn er dann nicht schon vom einem Ball angefahren wurde, ein Auto an den Kopf bekommen oder sich einfach am Staub des Himmels verschluckt hat.
Ja, Morgen wird sich Ingrid mit mir hier treffen, genau hier, am Kopfsteinpflaster, der Schaltzentrale 45.
Sie wird ihr hübschestes Kleid angezogen haben, ihr rosanstes Make-up aufgetragen und ihre künstlichen Brüste anhaben.
“Ich hab genug”, hat Iris gesagt, “ich hab so etwas von genug – machst Du mit”.
Klar, ich mach mit.
Morgen mit Ingrid um 5 Uhr in der Früh.
Legen wir los. Endlich

